
Mit fitten und langlebigen Kühen erfolgreich wirtschaften
Jedes Jahr mehr Milch: Durch regelmäßig neu justierte Zuchtziele, bedarfsgerechtere Rationen, mehr Tierwohl in den Ställen und ein besseres Tiergesundheitsmanagement steigen die Milchmengen bei zweinutzungsbetonten Fleckviehkühen seit Jahren an. Doch angesichts der Debatte um den Ausstoß von Methan durch die Kühe und steigenden Transportkosten für die Milch könnten sich die Zuchtziele künftig verändern.
von Prof Dr. Wilfried Brade, ehemals Tierärztliche Hochschule (TiHo) Hannover, aktuell: Norddeutsches Tierzuchtberatungsbüro Quelle Autor Prof. Dr. Wilfried Brade, ehemals Tierärztliche Hochschule Hannover erschienen am 07.01.2026Die Zucht auf hohe Milchleistungen führte wegen der positiven genetischen Beziehung zwischen der Milchleistung und Lebendmasse – wie Krogmeier (2009) von der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in Grub frühzeitig belegte – zu schwereren und größeren Fleckviehkühen (FL-Kühen). Entsprechend hoch sind die mittleren Körpermassen von FL-Kühen im Zweinutzungstyp im Vergleich zu anderen Rassen. So ermittelten Mödel et al. (2019) eine mittlere Körpermasse von FL-Kühen mit circa 2,5 Laktationen von 770 bis 780 Kilogramm (kg) in der Triesdorfer FL-Herde. Nolte (2019) berichtet über eine mittlere Körpermasse der Versuchsherde in Oberschleißheim von 681 kg für reinrassige Holstein (H)-Kühe und 794 kg für reinrassige FL-Kühe. Kreuzungstiere mit 50 Prozent (%) H- und 50 % FL-Genanteil wogen im Mittel 746 kg. Der mittlere Körpermassezuwachs der Kühe betrug von der ersten bis zur zweiten Laktation rund 49 kg. Der Körpermassezuwachs von der ersten bis zur vierten Laktation erreichte über 76 kg.
Dabei sind die züchterischen Aktivitäten im FL-Bereich seit Jahrzehnten auf einen Zweinutzungstyp für Milch und Fleisch ausgerichtet. Auch existiert eine Besonderheit in der globalen Fleckviehzucht: das zusätzliche Vorhandensein hochwertiger Zuchtpopulationen im spezialisierten Fleischrindertyp (= FF-Typ, auch Fleckvieh-Simmental-Typ, oder in Nordamerika einfach „Simmental Beef Cattle“ genannt).
Milch mit vielen Inhaltsstoffen
Der jeweilige Milchkuhtyp kann bei gleicher Produktivität dabei sehr verschieden sein. Abbildung 1 zeigt differenzierte Zuchtzielvarianten (ZV) in puncto der Milchleistung und Körpermasse bei einer konstanten Erzeugung von circa 8600 kg energiekorrigierter Milchmenge (EKM) pro Kuh und Laktation. Das entspricht dem aktuellen Leistungsniveau in der bayerischen FL-Population. Eine vergleichbare Produktivität der FL-Kühe kann – bei höheren Inhaltsstoffen und geringerer Milchmengenleistung – auch gut mit leichteren Kühen gesichert werden. Von praktischem Interesse sind hierbei vor allem die futterwirtschaftlichen Kenngrößen (Futtereffizienz beziehungsweise -kosten) sowie die zugehörige Methanemission (aus der Verdauung) bei den verschiedenen ZV.
Diese Kennwerte können aus den gültigen Bedarfsnormen zur Nährstoffversorgung der Milchkühe der Gesellschaft für Ernährung (GfE) sowie wissenschaftlich belegten Zusammenhängen zwischen der Methanbildung (= CH4-Emission) und der Futteraufnahme abgeleitet werden. Die Futterenergieeffizienz, das heißt die ermittelten Kilogramm (kg) EKM pro Umsetzbarer Energie (MJ) Nettoenergie-Laktation (NEL) und die Methanemission (CH4) pro kg EKM unterscheiden sich je nach Kuhtyp – trotz der einheitlich erzeugten energiekorrigierten Milchmengen.
Der leichtere Milchkuh-Typ mit hohen Inhaltsstoffen ist gegenüber dem schwereren Milchkuhtyp mit hoher Milchmengenleistung und geringen Inhaltsstoffen aus futterwirtschaftlicher Sicht (= kg EKM je MJ NEL) im Vorteil. Neben der weiteren Verbesserung der Futtereffizienz besteht in der (künftigen) Zuchtarbeit beim Fleckvieh auch die Notwendigkeit, unerwünschte CH4-Emissionen weiter zu reduzieren. Aus züchterischer Sicht ist es nicht nur wirtschaftlich interessant, eine konzentriertere Milch zu erzeugen, sondern dieser Zuchtansatz trägt gleichzeitig dazu bei, die CH4-Emissionen abzusenken.
Leider wird dieser Aspekt in der aktuellen Zuchtzielgestaltung bei Fleckviehkühen immer noch ignoriert und vorzugsweise die Milchfett- und Eiweißmenge – ohne die notwendige Beachtung der zugehörigen Milchinhaltsstoffe und der Körpermasse – züchterisch-ökonomisch bewertet. Dabei kann neben einer gezielten Zuchtarbeit auf eine verbesserte Futtereffizienz innerhalb der FL-Population (= Reinzucht) eine verbesserte körpermassebezogene Milchleistung auch kurzfristig durch eine gezielte Kreuzungszucht, beispielsweise durch die Nutzung von gesextem Sperma von dänischen Jerseybullen, erreicht werden.
Allerdings wird eine systematische Kreuzungszucht mit Dänischen Jerseybullen zur Erzeugung effizienter Kreuzungskühe (DJ x FL) selten von den vor Ort tätigen süddeutschen beziehungsweise österreichischen Besamungsstationen unterstützt. Die Vorzüge liegen jedoch auf der Hand, auch deshalb, weil ältere Kreuzungskühe (DJ x FL) wieder gut mit Fleischrindbullen zur Erzeugung von Masthybriden angepaart werden können.
Längere Nutzungsdauer
In der aktuellen Zuchtarbeit gewinnt die Nutzungsdauer der Kühe wieder an Bedeutung. So kann einerseits der Futteraufwand zur Kuhbestandsreproduktion reduziert und andererseits mehr männliche Nachkommen zur Bullenmast (mittels Y-Chromosom-vorselektiertem Sperma) pro Milchkuh erzeugt werden. Allerdings lässt der beobachtete Trend bezüglich der Nutzungsdauer von FL- oder auch Holstein (H)-Milchkühen beispielsweise in Bayern, aber auch in anderen Regionen, seit Jahren kaum positive Veränderungen erkennen.
Eine längere Nutzungsdauer verbessert die Futtereffizienz in der Milcherzeugung. Weitere wirtschaftliche Reserven ergeben sich durch die zusätzliche Erzeugung von männlichen Masthybridkälbern. So bietet es sich an, die Besonderheit der Fleckviehzucht systematisch zu nutzen: das Vorhandensein einer qualitativ hochwertigen Fleisch-Fleckviehpopulation (FF) mit hohen Mast- und Schlachtleistungen, besonders hohen Schlachtausbeuten, bei einer gesicherten ‚Weißköpfigkeit‘ als Marketing- und Qualitätslabel.
Die Verlängerung der Nutzungsdauer auf vier Laktationen – mit konsequenter Einbeziehung von geschlechtssortiertem Sperma – erhöht den möglichen Zuchtfortschritt in reinrassigen FL-Kuhbeständen (= durch intensivere Auslese der geeigneten Muttertiere) und bietet die Chance, zusätzlich mindestens ein Mastbullenkalb (= ein Masthybrid vom Typ ‚Fleischrindbulle x FL-Kuh‘) zu erzeugen.
Zur Masthybriderzeugung sind vorrangig die älteren, weniger wertvollen Kühe geeignet. Gleichzeitig kann durch die Erzeugung weiblicher Kälber (= mit Nutzung von geschlechtssortiertem FL-Sperma im Jungrinderbereich) der Anteil von Schwer- und Totgeburten bei Erstlingskühen reduziert werden. Ganz im Sinne eines verbesserten Tierwohls im FL-Kuhbestand. Eine künftig konsequentere Nutzung von geschlechtssortiertem Sperma bietet damit auch im FL-Bereich die Chance, auf volatile Milch- und Kälbermärkte betriebswirtschaftlich sinnvoll zu reagieren.
Der Ressourceneinsatz gewinnt in der Milcherzeugung an Bedeutung. Vor diesem Hintergrund sind Korrekturen im aktuellen FL-Zuchtprogramm angezeigt. Die Erzeugung einer konzentrierteren Milch ist effizienter als eine Erzeugung von „dünner“ Milch und besitzt darüber hinaus Vorzüge im Hinblick auf die regelmäßig entstehenden CH4-Emissionen und Transportkosten. Die Wirtschaftlichkeit von Fleckviehkühen wird neben den Produktionsmerkmalen und der Nutzungsdauer auch von der mittleren Körpermasse der genutzten Milchkühe bestimmt. Eine Verlängerung der Nutzungsdauer der FL-Milchkühe in der Praxis bietet die Chance – bei gleichzeitiger Nutzung von geschlechtssortiertem Bullensperma –, den möglichen Zuchtfortschritt im reinrassigen FL-Kuhbestand zu erhöhen, den Schwer- und Totgeburtenanteil bei Erstlingskühen zu reduzieren und darüber hinaus gezielt männliche Masthybriden zu erzeugen. Das Vorhandensein sowohl einer qualitativ hochwertigen FL-Population (Zuchtziel: Milch-Fleisch) als auch einer spezialisierten Fleisch-Fleckviehpopulation (Fleckvieh-Simmental) bietet Chancen für die gesamte Fleckviehzucht.










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