Landwirtschaft ist gelebter Artenschutz
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Das gesellschaftspolitische Umfeld mit vielfach unreflektierten und pauschalen Verunglimpfungen zeichne ein verzerrtes Bild der Landwirtschaft, kritisierte LBV-Vizepräsident Gerhard Glaser. Diese Negativstimmung habe verheerende Auswirkungen auf den Nachwuchs, was sich in den rückläufigen Ausbildungszahlen niederschlage. „Dabei“, so Glaser unter dem Beifall der Zuhörer, „sind unsere bäuerlichen Betriebe viel besser als sie dargestellt werden. Sie besitzen das Wissen und die Kompetenz, verantwortungsvoll mit der Natur umzugehen. Blühstreifen, die Bewirtschaftung ökologischer Vorrangflächen und Gewässerrandstreifen sind nur wenige Beispiel dafür. Deshalb sollte die Gesellschaft diejenigen stärken und begleiten, die 365 Tage im Jahr den Artenschutz betreiben und nicht immer nur draufzuhauen. Das ist viel besser als Artenschutz mit vielen Paragrafen und unrealistischen Forderungen durchsetzen zu wollen.“
Eine solche ist für Glaser beispielsweise der im Volksbegehren geforderte Anteil des Bioanbaus von 50 Prozent. Derzeit nehme der Markt gerade mal die Produkte der rund 15 Prozent Biobetriebe auf und es zeigten sich bereits Sättigungstendenzen, verbunden mit der Gefahr rückläufiger Erzeugerpreise. „Wenn die Verbraucher mehr Nachfrage nach Bioprodukten schaffen, dann werden die Bauern von sich aus entsprechend reagieren, ist sich Glaser sicher.
Gerade kleine Betriebe sind bedroht
Für Eugen Haberer, Land- und Forstwirt aus Schenkenzell im Kreis Rottweil, riskiert die Gesellschaft derzeit durch immer höhere Auflagen für die Bauern, wie sie etwa aus dem Volksbegehren erwachsen könnten, genau die Betriebe zu verlieren, die sie eigentliche erhalten wolle. Für ihn würde beispielsweise ein Verbot von Pflanzenschutzmitteln in Schutzgebieten bedeuten, Holz auf Poltern, das von den Sägewerken wegen der desaströsen Marktlage nicht abgefahren wird, nicht mehr gegen den Borkenkäfer schützen zu können. Der fliege dann aus und befalle weitere Bäume.
Auch ein kleines Mehr an Achtung und Verständnis wünscht sich der Praktiker von den Waldbesuchern. „Da sind wegen Forstarbeiten mal Wege kurzzeitig gesperrt und große Maschinen unterwegs. Das darf dann kein Grund zum Unmut sein.“ Und auch mit dem Vorwurf ‚Warum töten Sie die schönen Bäume?‘ wurde Haberer schon konfrontiert. Da sollten sich die Leute doch etwas mehr Gedanken machen, sein Wunsch.
Pakt mit Verbrauchern
Bei Thomas Heilig, Obsterzeuger und Vorsitzender der Obstregion Bodensee, und seinen Berufskollegen hat das angestoßene Volksbegehren zahllose schlaflose Nächte und eine immense Belastungen in die Familie getragen. Große Flächenanteile befinden sich in Schutzzonen und ganz ohne oder deutlich vermindertem Pflanzenschutz lasse sich kein vermarktbares Obst erzeugen. „Schon seit den Achtzigerjahren arbeiten wir im System der Integrierten Produktion mit Pflanzenschutz nach Schadschwellen, Pheromonfallen, fördern Nützlinge und arbeiten mit der Wissenschaft eng zusammen“, argumentierte Heilig. Außerdem spiele die Kleinstrukturiertheit der Region dem Artenschutz in die Karten, wie dies auch wissenschaftliche Erhebungen ergeben haben.
Diese Botschaften müssten besser als bislang an die Verbraucher herangetragen werden, denn „medial sind wir schlecht aufgestellt“, räumte Heilig selbstkritisch ein. Das Volksbegehren sollte daher als Chance genutzt werden, um als Gegenseite gehört zu werden. Aber auch der Verbraucher selbst sei in der Pflicht: „Wenn jetzt, Mitten in der Ernte, in den Supermärkten die Regale voll mit ausländischen Äpfeln sind, sollten die Verbraucher offensiv nach heimischer Ware verlangen“, forderte Heilig.
Klimawandel spürbar
Wie die gesamte Landwirtschaft sind auch die Obstbauern vom Klimawandel betroffen. Neben Auswirkungen auf die Fruchtqualität und Vermarktungsmenge sind die Schäden durch Hagel, Starkregen und Wind gravierend. Der vom Land angekündigte Zuschuss zur Mehrgefahrenversicherung sei da eine wichtige Hilfe. Mit Blick auf eine mögliche Beregnung und Bewässerung wünscht sich Heilig Erleichterungen beim Genehmigungsverfahren von Wasserrückhaltebecken beziehungsweise deren Kombination mit Maßnahmen zum Hochwasserschutz.
Schwieriger ist da die Situation im Wald. „Ohne Regen wächst nichts und der Wald ist nachtragend. Ob die heute gepflanzten Bäume in 80 oder 100 Jahren Ertrag bringen, kann niemand Sagen“, gibt Haberer zu bedenken. Es setzt in seinem Plenterwald daher auf Baumartenmischungen zur Risikominderung.
Für Gerhard Glaser kann die Landwirtschaft mit der Energiewende zur Minderung des Klimawandels beitragen. Beispielhaft nannte er Biogas, Energiepflanzen und Windkraft. Der Verzehr von weniger Fleisch sei zu kurz gegriffen. Werde Grünland nicht über die Kuh verwertet, würden beim Verrotten der Aufwüchse mehr schädliche Klimagase frei.
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