Kalter Markt virtuell
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Mit dem virtuellen Kalten Markt sprach der Bauernverband Themen an, die üblicherweise für die Bauernkundgebung gedacht sind. Weil der echte Markt Corona zum Opfer gefallen war, machte der Verband per Videoformat auf das aufmerksam, „wo die Bauern von der Ostalb der Schuh drückt“, wie es Hubert Kucher formulierte.
Der Vorsitzende spannte thematisch einen weiten Bogen von der fehlenden Marktmacht der Landwirte im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) über die zunehmend gefährdete Betriebsentwicklung bis zur zugespitzten Frage an die Politik, ob in Deutschland überhaupt noch eine Landwirtschaft gewollt sei. Dabei kam Hubert Kucher immer wieder auf den vom Lebensmitteleinzelhandel ausgehenden Markt- und Preisdruck zu sprechen. Nach seiner Einschätzung hatte die hiesige Landwirtschaft in den vergangenen 30 Jahren versucht, über Flächenwachstum und Kostensenkung den wirtschaftlichen Druck auszugleichen. „Doch das geht jetzt nicht mehr“, warnte der Bauernverbands-Chef. Die Arbeitsbelastung auf den Höfen sei heutzutage unerträglich, die Einkünfte katastrophal.
Druck des LEH lässt nicht nach
Doch der Druck des LEH lasse nicht nach, mahnte Kucher. Neuerdings greifen die Vertreter der vier führenden deutschen Einzelhändler zunehmend in die Agrarproduktion ein, indem Standards und damit Kosten angehoben werden, aber die Einkünfte sinken. Flankiert würden diese Kostensteigerungen von munter agierenden Nichtregierungsorganisationen (NGOs) mit der Folge, dass die Agrarerzeugung mit immer engeren Umweltvorgaben erschwert werde.
Den der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereich sieht Kucher als Verbündete. Deshalb hatte die geplante, aber ausgefallene Bauernkundgebung den Titel „Soziale Marktwirtschaft vom Erzeuger über den Vermarkter bis zum Verbraucher“. Wie die regionalen Vermarkter die Marktlage für landwirtschaftliche Erzeugnisse beurteilen, war deshalb ausdrücklich Thema des virtuellen Pressegesprächs. Die Moderation hatte Bauernverbands-Geschäftsführer Johannes Strauß übernommen, der ruhig und konzentriert die gelegentlichen Schwächen der Übertragungstechnik im Griff hatte.
Martin Boschet warnte vor einer Abschottung des deutschen Milchmarkts. Nach Einschätzung des Geschäftsführers der Hohenloher Molkerei brauchen Deutschlands Milchbauern einen offenen Markt, weil die Hälfte der deutschen Milchproduktion im Export abgesetzt wird. Beim internationalen Warenaustausch wünscht sich der Manager mit bäuerlichen Wurzeln aber eine Politik, die nicht moderiert, sondern regiert. Importe sollten die gleichen Standards erfüllen müssen wie sie mit Tierwohl, Nachhaltigkeit und Qualität für deutsche Produkte gelten. Das Grundproblem sieht Boschet aber im weltweiten Überangebot an Milch.
Eiskalter Schweinemarkt
Rolf Michelberger nimmt den Schweinemarkt in Anspielung auf den Kalten Markt als „eiskalten Markt“ wahr. Der Ausbruch von Corona und der Afrikanischen Schweinepest hatten den Markt in die aktuell desolate Lage gebracht. Der Schweinestau bestehe zwar vor allem in Norddeutschland, doch die Folgen seien auch im Süden zu spüren, sagte der Geschäftsführer der Firma Ulmer Fleisch. Aus den Marktverwerfungen zieht Michelberger den Schluss, dass die Zukunft in geschlossenen Lieferketten bestehe. Auch bekannt unter dem Begriff Markenfleisch bieten derartige Programme ein festes Preisniveau und sichere Absatzwege, da die bäuerlichen Lieferanten kaum ausgetauscht werden könnten.
Einen rundum zufriedenen Eindruck machte Sven Schneider. Der Geschäftsführer der BAG Hohenlohe berichtete von Preisen für Getreide und Ölsaaten, die so hoch seien wie seit Jahren nicht mehr. Was Ackerbauern freut, stösst Veredlungsbetrieben auf, die Futter zukaufen müssen. Schneider berichtete von einem „Rekordabsatz bei Futtermitteln“, da etwa Schweine länger in den Ställen stehen und deshalb länger gefüttert werden müssen. Auch bei Pflanzenschutz und Dünger liefen die Geschäfte rund. Die Bauern wirtschaften auf ihren knappen Flächen intensiv, um genug eigenes Futter zu erzeugen.
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