Menschen brauchen Boden
Wie wird die Landwirtschaft in den Medien dargestellt? Sollen wir mit oder gegen die Natur konsumieren? Diese Fragen und der frustrierend hohe Flächenverbrauch sorgten für einen spannenden Verlauf des Bauerntages des Kreisbauernverbandes Esslingen am Samstag, 16. Februar 2019, in der Schlossberghalle in Dettingen unter Teck.
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Dettingen unter Teck (Landkreis Esslingen), 16. Februar 2019
Bauerntag des Kreisbauernverbandes Esslingen
Immer mehr! – So können wir nicht weitermachen
Der Wunsch des Kapitalismus? „Immer mehr!“ Dr. Jochen Wagner gibt selbst die Antwort. „Und wenn wir es haben, sind wir nicht glücklicher." Der Studienleiter von der Evangelischen Akademie Tutzing redet Klartext: „Wir können so nicht weitermachen! Und wir alle, auch Sie, wissen das!" In launigen Worten und gnadenlos direkt zeigt er den Zuhörern die Widersprüche unseres modernen menschlichen Daseins auf.
„Wie können wir den Kapitalismus überwinden?“ Der Tutzinger Studienleiter für Theologie und Philosophie lässt an der Notwendigkeit für die Menschheit keine Zweifel, hierauf eine Antwort zu finden.
„No Future – geplünderte Welt?“
„No Future – geplünderte Welt?“ Die Menschen, wir alle geben darauf die Antwort. Seit langem lautet sie „Ja!“, Weil die Menschheit mit rasant zunehmender Geschwindigkeit die endlichen Ressourcen auf der Erde verbraucht. Prognosen sehen deshalb Kriege um Wasser, Rohstoffe und Lebensmittel voraus und Milliarden Menschen sich von unfruchtbaren Gegenden auf den Weg aus der Armut in den vermeintlichen Wohlstand machen.
Leben im Überfluss – Wir kommen nicht mehr mit
Was also tun? Wo „Kids kaum mehr Lebenserfahrung haben“, wie Wagner analysiert. Sie kennen die lila Kuh. Bis jedoch nicht, wo er Milch und Pommes kommen. Sie sind „so verwöhnt, ohne jede Eigenleistung“. Leben im Überfluss eben. Und doch sind viele junge Leute verunsichert, beobachtet Wagner: „Werte gibt es nicht, nur Menschen, die es uns vorleben.“ Dazu Fülle im Lebensmittel-Regal. Im Fußball alle Spiele auf Videos.
„Immer mehr! Doch wir kommen nicht mehr mit, alle Spiele anzuschauen, mit der Auswahl im Naturzustand Überfülle“, erklärt Wagner. der Studienleiter erinnert sich an Ferien auf dem Bauernhof in seiner Kindheit. Sie waren viel mit Bauern zusammen, bis in die Nacht. Fernsehen gab es nicht. „Trotzdem war es schön.“ Doch heute ist die Konkurrenz gnadenlos. Zeit hat keiner mehr.
Lob dem Imperfekten – Sich selbst entdecken!
Was also tun? Wagner lobt das Imperfekte, das Nicht-Perfekte. Er wendet sich gegen die Geißel des Superlativs. Und gibt die Antwort: „Sich selbst entdecken! Als Subjekt. Sich wieder spüren lernen. Trost spenden und empfangen. Neue Achtsamkeit entdecken. Lernen, zusammenzuwachsen. Als Team. In der Gemeinschaft. Wir brauchen wieder empfindsame Menschen“, meint der Mann aus Tutzing.
Wagner zitiert den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1831): „Der Weg vom Wahnwitz des Eigendünkels führt zur Demut.“ Das wäre sein Wunsch an die Zuhörer, betont er: „Nähe. Behutsamkeit. Zwischen imperfekten Menschen."
Menschen brauchen die Erde
„Die Erde braucht die Menschen nicht, aber die Menschen brauchen die Erde!“ Unter dieses Motto stand der Kreisbauerntag 2019 am Samstag, 16. Dezember 2019, in der Schlossberghalle in Dettingen unter Teck. „Erde, Boden“ meint der Kreisbauernverband Esslingen „in dem Fall wirklich“, erklärt Vorsitzender Siegfried Nägele zu Beginn seiner engagierten Eröffnungsrede.
Wenn es ums Geld geht, hört die Freundschaft auf
Die Landwirtschaft bewegt viel, resümiert Nägele, beispielsweise die Finanzierung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU. Da gibt es heftiges Gerangel um die Mittel national und auf EU-Ebene. Da wären vermutlich viele EU-Abgeordnete froh, die Finanzierung wäre schon in trockenen Tüchern. Aber die Interessen sind doch sehr unterschiedlich: „Wenn es ums Geld geht, da hört die Freundschaft bekanntlich auf“, kommentiert der Kreisvorsitzende. „Wir befürchten, es geht in die nächste Legislaturperiode des Europäischen Parlamentes“, schwant ihm, „da wird sich vieles wieder finden müssen, und besser würde es eher nicht für den Agrarbereich“.
Nägele erläutert die Schwierigkeit der Einigung am Beispiel der dahinter stehenden Verteilungsfrage in Zeiten von Brexit und den vielen „angekratzten“ Haushalten zahlungsintensiver Mitgliedsländer. Zudem verweist Nägele auf die Forderung nach „Gleichheit“ beim Erhalt der Zahlungen – ungeachtet des Wertes von zum Beispiel 300 Euro je Hektar als Monatsverdienst in manchen östlichen Staaten, während es bei uns rund 3.000 Euro durchschnittlicher Monatsverdienst sind: „Das ist ein zehnfacher Wertunterschied!“
Nicht auseinander dividieren lassen
„Der Landesbauernverband und der Kreisbauernverband Esslingen setzt sich für die bäuerliche Landwirtschaft ein, wie wir Sie kennen, und steht dafür“, versichert der Kreisvorsitzende. „Wir werden uns weder zwischen Tierhaltung und Gemüseanbau, zwischen Bio und Konventionell, zwischen Biogas und Weidehaltung und anderem auseinander dividieren lassen. Wir stehen im Kreis Esslingen für eine umweltverträgliche und moderne bäuerliche Landwirtschaft“, unterstreicht er. „Auch die wird und muss sich ständig verändern und weiterentwickeln, aber sie braucht auf jeden Fall eine Perspektive!“
Wenig Kenntnis über die heutige Landwirtschaft
Das Landwirtschaftliche Hauptfest (LWH) würde es ohne den Landesbauernverband (LBV) nicht mehr geben, erläutert Nägele. Der LBV organisiert es hauptverantwortlich, unterstützt von der Stadt Stuttgart. Der Kreisvorsitzende „war beeindruckt, wie auch das historische Volksfest vor dem neuen Schloss die Leute interessiert hat. Und auch da ist mir wieder bewusst geworden, wie wenig die heutige Bevölkerung noch über das Leben und Wirtschaften in der Landwirtschaft weiß.“
Dünge-Verordnung mit kurzer Halbwertszeit
„Gerade mal ein Jahr in Kraft, soll die Dünge-Verordnung schon wieder überarbeitet werden. Da muss ich schon sagen, wie sollen wir uns denn noch auf etwas einstellen, das so eine Halbwertszeit hat? Und wenn sich der Bauernverband wehrt – sind wir wieder die Nitrat-Verschmutzer des Grundwassers mit Nitrat“, moniert Nägele. Fakt sei, Nitrat im Grundwasser habe seit 1994 um 22 Prozent abgenommen: „Da wären viele bei den Klimazielen glücklich.“
Kennen Sie „AMPA“?
Was ist „AMPA“? Der Nachweis von Pflanzenschutzmitteln im Grundwasser, Aminoethylphosphorsäure. „Das findet sich dann in Bier, und schon schlachten das wieder einige als Vorwurf gegenüber der Landwirtschaft aus“, kritisiert der Kreisvorsitzende. Die Fakten seien andere: „AMPA ist erstens in vielen Desinfektions- und Reinigungsmitteln direkt enthalten, und zweitens lade ich ein zu schauen, wieviel Phosphor in Wasch- und Reinigungsmitteln täglich verkauft wird. Und wo landet Waschmaschinen- und Spülwasser und damit AMPA?“ Die Frage Nägeles beinhaltet zugleich die Antwort!
Feinstaub als „Unstatistik des Monats“
„Wenn man nicht mehr weiter weiß – klar, die Landwirtschaft ist schuldig“, verweist Nägele auf den ARD-Bericht vom 4. Februar 2019 um 20 Uhr zur besten Sendezeit mit 10,17 Millionen Zuschauern. Danach verursache „Massentierhaltung durch Feinstaub“ mehr Todesfälle als Dieselfahrzeuge. Doch was ist daran?
Die Sendung beruht auf einem wissenschaftlichen Artikel des Max-Planck-Institutes für Chemie in Mainz. Und dieser wiederum beruht auf Modellrechnungen und Annahmen, erklärt der Kreisvorsitzende.
Dieser Artikel „ohne Fakten“ stütze sich auf umstrittene Berechnungsmethoden, die ihm schließlich das fragwürdige Prädikat „Unstatistik des Monats“ einbrachten. Damit sei vor zehn Millionen Fernsehzuschauern „mal wieder die nicht definierte Massentierhaltung schlimmer als Abgase dargestellt und eine ganze Branche in den Schmutz gezogen worden – ohne jegliche wissenschaftliche Basis und Fakten. Eigentlich nicht zu fassen“, meint Nägele nachdenklich.
Rettet die Bienen!
Nägele kommt auf das bayerische Volksbegehren „Rettet die Bienen!“ zu sprechen. „Ja, wir wollen auch die Bienen retten“, beginnt er, über Fakten bei dieser Thematik zu reden. „Wir bauen Raps an. Eine der wenigen Kulturen, wo Insektizide eingesetzt werden. Bei uns sind und kommen Imker in der Blüte, da summt es, die Völker bauen sich durch die Tracht auf und Honig gibt es auch. Und der wird untersucht und es ist und war nichts nachweisbar. Manche Völker stehen das ganze Jahr da, und man kann beobachten, dass es da keine Verluste gibt.“
Jedes Jahr trifft sich der gemeinsame Bienenausschuss im Landkreis. Dort arbeiten Landwirtschaftsamt, Imker, Bauern und Bauernverband zusammen „und es funktioniert sehr gut, wenn jeder Rücksicht nimmt“, versichert der Kreisvorsitzende.
Schon in Fahrt, nennt er sogleich das Beispiel Mais. „Oh, Mais – doch das sind auch Flächen, die einem eine Zwischenfrucht ermöglichen, die sehr lange stehen kann. Die blüht bei uns zum Beispiel lila und weiß, da fahren besonders die Wildbienen und Insekten darauf ab. Letztes Jahr war bis in den November echt was los.“
Landwirtschaft im Wandel
Die Landwirtschaft habe sich in den vergangen fünf Jahrzehnten deutlich verändert, schildert Nägele. Die Schläge sind größer geworden, wenn sie auch im Vergleich zum Norden, Osten oder Übersee immer noch sehr klein seien. „Damit gehen etwas Grenzlinieneffekte verloren – wir sind ja ehrlich und um Fakten bemüht. Da arbeiten wir dran, und bauen zusätzliche Randstreifen an. Wir haben jedoch auch eine Fruchtfolge, an welche die Dreifelderwirtschaft hinsichtlich der Artenvielfalt nicht rankommen würde.
Der Pflanzenschutzmittel-Verbrauch sei in den vergangenen Jahrzehnten gleich geblieben –und das bei deutlich erhöhten Erntemengen, erläutert der Kreisvorsitzende in bunten Charts an der Wand. Der Bauernverband arbeite an einer „Ackerbaustrategie“, um sich nicht nur besser für politische Diskussionen zu rüsten, sondern vor allem den Ackerbau weiterzuentwickeln.
In den Spiegel schauen
„Jeder, der auf uns Bauern zeigt, sollte in den Spiegel schauen, was er / sie zum Artensterben selbst beiträgt“, beantwortet Nägele die Frage, „warum wir den Spiegel vorne im Eingangsbereich aufgestellt haben“.
Energieverbrauch bedeutet Erwärmung und Luft, erklärt der Kreisvorsitzende. Eine um 1,5 Grad Celsius höhere Durchschnittstemperatur lasse zum Beispiel die Tanne in Baden-Württemberg fast verschwinden, weil es ihr zu warm und trocken werde.
Nägele verweist auf die aktuell pro Jahr um 1,8 Prozent steigenden Fahrkilometer in Deutschland, den pro Jahr um 5,8 Prozent zunehmenden Flugverkehr. Er stellt die Frage, wie sich wohl Insekten in dem Wirrwarr und in der Dichte von Funkwellen der Mobilfunk- und anderer Netze orientieren. Bei 80 Millionen Einwohnern gäbe es in Deutschland 125 Millionen Mobilfunkanschlüsse. Und wie sich die zunehmenden Lichtquellen auf Insekten auswirken. Und der hohe Flächenverlust vermindere zusätzlich die Lebensgrundlage für Insekten.
Nägeles Fazit: „Die ganze Gesellschaft, wir alle sollten in den Spiegel schauen, bevor immer nur auf die Landwirtschaft gezeigt wird!“
Frustrierender Flächenverbrauch
Beim Flächenverbrauch sei es „nicht mehr fünf vor zwölf – es geht eher Richtung halb eins“, spricht Nägele den Frust vieler Landwirte angesichts dieser Entwicklung an. „Wir wollen nicht weiter zwischen Flächen und Wohnungsnot, zwischen Flächen und wirtschaftlicher Entwicklung ausgespielt werden“, betont er. „Die aktuell wieder zunehmende massive Flächeninanspruchnahme besorgt uns“.
Menschen brauchen Boden
Nägele zählt auf:
- „Guter Boden ist für Nahrungsmittel, fürs Essen zu erhalten. Das Jahr 2018 hat uns das wieder gezeigt. Es ist unverantwortlich, fruchtbaren Boden umzuwandeln, wo es irgendwie vermeidbar ist. Wir brauchen Fläche für unsere Betriebe.
- Boden speichert Wasser. Das brauchen wir für gutes Grundwasser, nicht das aus Bächen nach der Einleitung von Klärwasser.
- Versiegelte Flächen erhitzen lokal enorm die Lufttemperatur. Sie führen dadurch zu Starkregenereignissen, die Gefahr für Hab und Gut in Häusern und auf den Feldern sind.
- Fläche produziert Frischluft, Sauerstoff, C4-Pflanzen wie Weidelgras und Mais. Das sind echte Sonnenkraftwerke mit Energieeffizienz. Da darf ein E-Auto nicht dran schnuppern.
- Fläche ist Lebensraum, Lebensraum in allen Größenordnungen für Mensch, Erholung, Wild, Vögel, Insekten, Kleinlebwesen. Auf einem Hektar sind im Ackerboden fünf Tonnen Kleinstlebewesen, die biologische Bodenaktivität und damit Wachstum erst ermöglichen. Würden diese sich zu einem Körper zusammentun, hätten sie die Erscheinung eines Elefanten – und dann würde sich keiner getrauen, einen Hektar Acker zu vernichten.“
Wohlstand ohne hohen Flächenverbrauch
„Wir sind der festen Überzeugung, ja wir sehen es als unsere Aufgabe an, dass Sie, wir in der Lage sind, diese Herausforderung, Wohnen, Wirtschaft und Wohlstand, zu erreichen, ohne in der bisherigen Art und Ausmaß Flächen zu verbrauchen“, bekräftigt Nägele. Das gehe allerdings nur, wenn es politisch gewollt und unterstützt werde:
- „Wenn Landesbauordnung und Raumplanung angepasst wird an die modernen Situationen, wenn Planungen nach modernen zukunftsfähigen Standards kommen, würde es gehen können.
- Wenn Anreize geschaffen werden, dass vorhandene Bausubstanz und bereits versiegelte Flächen überhaupt genutzt werden und / oder optimiert werden. Das gibt doch die coolsten Wohnungen auf bisherigen Flachdächern von Fabriken, mit Grün und allem – und das hilft eben nicht nur der Landwirtschaft, sondern allen – Wohnungssuchenden und der Natur und der Gesellschaft!“
„Bewahrt Land, Gott erschafft keines mehr!“
Für solche Lösungsansätze zur Senkung des Flächenverbrauchs „wollen wir Ihre Unterstützung“, spricht Nägele die anwesenden Abgeordneten direkt an. „Es ist unser Ziel, nach dem Motto des heutigen Bauerntags, die Erde, den Boden zu schonen.“ Mit dem Zitat „Bewahrt Land, Gott erschafft keines mehr!“ von Mark Twain bekräftigt er die Bedeutung, mit Boden schonend umzugehen und seinen Verbrauch zu minimieren.


























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