Herbizidresistenzen nehmen weiter zu
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Das Auftreten von herbizidresistenten Unkräutern resultiert meist aus einem einseitigen Einsatz von Herbiziden mit demselben Wirkmechanismus bzw. dem gleichen Wirkstoff auf der gleichen Fläche. Es werden hier zwei Arten von Resistenzen unterschieden. Zunächst sind sogenannte metabolische Resistenzen zu nennen, hier kann eine herbizidwirksame Substanz in der Pflanze schneller abgebaut werden und ein Herbizid kann seine Wirkung nur noch bedingt entfalten. Sogenannte Target-site Resistenzen (TSR) lassen meist keine herbizide Wirkung mehr zu, hier hat sich der Wirkort durch Mutation (genetische Veränderung) verändert. Dieser Prozess findet im Rahmen der Evolution permanent statt. Diese resistenten Unkräuter haben dann einen deutlichen „Existenzvorteil“, wenn es zur Anwendung passender Herbizide kommt. Sie werden mit jeder Anwendung der gleichen Wirkstoffgruppe meist unbemerkt herausselektiert.
Das Risiko ist in einseitigen Fruchtfolgen besonders hoch, die die Entwicklung einzelner Unkräuter oder Ungräser begünstigen (z. B. nur Winterungen in Frühsaat, die zu einer Massenentwicklung von zum Beispiel Ackerfuchsschwanz führen). Der vollständige Verzicht auf den Pflug und der Einsatz von Minimalbestellverfahren ermöglichen eine unmittelbare Generationsfolge bei Samenunkräutern/-gräsern, die Folge ist ein deutlich erhöhtes Resistenzrisiko!
Nicht selten wiegt der Praktiker sich in Sicherheit und erkennt eine Herbizidresistenz erst dann, wenn es vielleicht schon zu spät ist! Das Gefährdungspotential lässt sich anhand der Übersicht für den eigenen Betrieb abschätzen. Das Resistenzrisiko steigt zum Beispiel in einer engen Getreidefruchtfolge, insbesondere wenn keine zusätzlichen ackerbaulichen Maßnahmen flankierend ergriffen werden. Die Standorte mit einer noch ausreichenden Wirkung von Atlantis und Standorte mit einer vorhandenen ALS-Resistenz bei Ackerfuchsschwanz unterscheiden sich in der Schlaghistorie deutlich. Dort wo sich eine Resistenz entwickelt hat, ist entweder der Anteil der Getreidefrüchte in der Fruchtfolge besonders hoch oder es ist hier wiederholt zu einem Einsatz von ALS-Hemmer innerhalb der Fruchtfolge gekommen. Bei einem hohen Risiko sind schnellstmöglich vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen.
Situation der Herbizidresistenzentwicklung von Ackerfuchsschwanz in Niedersachsen
Die Wirkstoffgruppen der ACCase-Hemmer und der ALS-Hemmer sind in Niedersachsen sehr stark resistenzgefährdet. Samenproben von Ackerfuchsschwanz werden im sogenannten „Biotest“ auf metabolische Herbizidresistenz und bei Bedarf auf weitergehende Target-site Resistenz (TSR) untersucht.
Das Ergebnis ist sehr erschreckend: Ein Drittel der untersuchten Proben zeigt in Niedersachsen keine ausreichende Wirkung mehr für die Wirkstoffgruppe der DIM (z.B. Select 240 EC und Focus Ultra). Die Gruppe der FOP (dazu gehören Herbizide wie z.B. Ralon, Ralon Super, Topik 100) zeigt im niedersächsischen Resistenzmonitoring, dass nur ca. 7 % der Proben eine sensitive Wirkung haben. Eine ausreichende Bekämpfung von Ackerfuchsschwanz ist mit dieser Wirkstoffgruppe demnach alleine weder auf den Marschböden noch auf den typischen Ackerfuchsschwanzstandorten im Binnenland möglich. Auf mehr als 400 Standorte mit Ackerfuchsschwanz wurde eine ALS-Resistenz untersucht und in mehr als 50 % der Proben bestätigt. Besonders die Fälle mit absoluter Target-site Resistenz (TSR) nehmen zu, mittlerweile sind hier 25 Ackerfuchsschwanzstandorte betroffen. Anders ausgedrückt: von den insgesamt 200 gegenüber ALS-Hemmer als resistent befundenen Ackerfuchsschwanzstandorten, sind 12 % nicht mehr mit ALS-Hemmern wirksam bekämpfbar.
Der Anteil an Standorten wo eine multiple Resistenz gefunden wird, also eine Wirkungseinbuße für mehrere Wirkstoffgruppen, nimmt in Niedersachsen ebenfalls zu. Die Resistenzuntersuchungen zeigen auf mittlerweile mehr als 50 Standorte in Niedersachsen gleichzeitig eine Resistenz gegenüber ALS-Hemmer und ACCase-Hemmer (DIM und FOP). Mangels Wirkung können demnach beide Wirkstoffgruppen auf den betroffenen Sandorten praktisch nicht mehr zu empfohlen werden. Bis im Jahre 2013 wurden diese multiplen Resistenzen eher auf den Marschböden im Dienstgebiet gefunden, seit 2014 nehmen sie aber besonders auf den typischen Ackerfuchsschwanzstandorten in Südniedersachsen zu.
Situation der Herbizidresistenzentwicklung von Windhalm in Niedersachsen
Windhalm weist gegenüber dem Wirkstoff Iodosulfuron (enthalten in Husar bzw. Husar OD) auf fast einem Drittel der untersuchten Monitoringstandorten seit 2013 eine Resistenz auf. Im darauf folgenden Jahr zeigen bereits 64 % von 200 untersuchten Standorten gegenüber Husar eine Resistenz. Broadway ist auf einzelnen Standorten gegen Windhalm noch etwas wirkungssicher als Husar und Husar OD, allerdings bestätigen die laufenden Resistenzuntersuchungen auch hier die vermuteten Resistenzverdachtsfälle. Gegenüber Broadway zeigen mittlerweile knapp 40 % der Windhalme auf den beprobten Standorten eine Resistenz gegenüber ALS-Hemmer. Insgesamt wurden bereits 13 Target-site Resistenzen gegen ALS-Hemmer auf 204 niedersächsischen Standorten nachgewiesen.
Resistenzentwicklungen in Windhalm gegen Axial 50 (Wirkstoffgruppe „DEN“) wurden in Niedersachsen erst auf einzelnen Standorten entdeckt. Allerdings wurden bereits zwei Target-site Resistenzen gefunden; gleich zwei Mutationen haben das ACCase-Enzym an der Position Leu1781 und Asn2041 verändert. Damit sind gleichzeitig Kreuzresistenzen mit weiteren Wirkstoffen wie Clodinafop (Topik, Traxos), Fenoxaprop (Ralon Super), Haloxyfop (Gallant Super), Cycloxydim (Focus Ultra) und Fluazifop (Fusilade Max) zu erwarten. Ein Wirkstoffwechsel über die Fruchtfolge ist nur noch bedingt möglich. Es wirken neben den Bodenwirkstoffen Flufenacet, Pendimethalin und Flurtamone nur noch Kerb flo. bzw. Milestone mit dem Wirkstoff Propyzamid und Agil mit dem Wirkstoff Propaquazifop gegen vorhandenen Windhalm.
Resistenzmanagement - Maßnahmen zur Resistenzvermeidung
Durch die Erweiterung der Fruchtfolge mit Blattfrüchten wird ein Herbizidwirkstoffwechsel im Sinne eines Resistenzmanagements ermöglicht. Weiterhin sind besonders der ortsübliche „nicht verfrühte“ Saattermin sowie der Pflugeinsatz und eine intensive Stoppelbearbeitung als Maßnahmen zu nennen, um den Unkrautbesatz vor der ersten Herbizidmaßnahme und damit das Risiko einer Herbizidresistenz deutlich zu reduzieren.
Eine veränderte Fruchtfolge kann mehr Zeit zur Bodenbearbeitung bringen. Allein der Anbau von Wintergerste bringt gegenüber Stoppelweizen zwei bis drei Wochen mehr Zeit zur Stoppelbearbeitung vor Raps. Die nachhaltige Unkrautbekämpfung, nach Einbau von Sommerungen in der Fruchtfolge, verbessert sich nochmals durch die Kombination von Stoppelbearbeitungsgängen im Herbst und Einsatz von Glyphosaten nach dem Wiederergrünen, wie es auch vor Winterungen gemacht wird. Allerdings sollte bei der Bestellung der Sommerung eine unnötige Bodenbearbeitung vermieden werden, damit es nicht zu einer Keimstimulierung und Auflauf von Ungras aus tieferen Bodenschichten kommt.
Mit zunehmendem Anteil von Sommerungen und Blattfrüchten in der Fruchtfolge wird zusätzlich eine nachhaltige Minderung des Samenpotentials erreicht, da die Samen von Ungräsern nur eine begrenzte Zeit keimfähig sind und nach der Bodenbearbeitung zur Sommerung deutlich vermindert auflaufen. Ein jährlicher Wechsel zwischen Blatt- und Halmfrucht kann die Verunkrautung mit Windhalm oder Ackerfuchsschwanz, im Vergleich zu Fruchtfolgen mit 67 % Getreideanteil, fast halbieren. Sorten mit guter Konkurrenzkraft sowie homogene, lückenfreie Bestände helfen ebenfalls den Unkrautbesatz zu unterdrücken und unterstützen so ein effektives Resistenzmanagement.
Dort, wo ein hohes Ackerfuchsschwanzsamenpotential aus den Vorjahren hinzukommt, muss ein früher Aussaattermin des Wintergetreides unbedingt vermieden werden! Eine nur wenige Tage verzögerte Aussaat lässt das Auflaufverhalten des Ackerfuchsschwanzes und Windhalm deutlich reduzieren, da durch diese Verzögerung das Keimverhalten negativ beeinflusst wird. Eine angepasste Bodenbearbeitung unterstützt ein Anti-Resistenzmanagement zusätzlich, so bewirkt eine intensive Stoppelbearbeitung eine verbesserte Strohrotte. Die Stroh- und Spreuverteilung wird gleichmäßiger und damit verbessert sich der gleichmäßige Aufgang der Unkrautsamen. Je gleichmäßiger das Unkraut aufläuft, umso niedriger ist das auflaufende Unkrautpotential später in der Kultur. Allerdings sind 6-8 Wochen Keimruhe beim Ackerfuchsschwanz keine Seltenheit.
Der aufgelaufene Ackerfuchsschwanz kann durch Glyphosat behandelt werden, damit wird das Potential der auflaufenden Unkrautsamen für die nachfolgende Kultur und im Sinne des Herbizid- Resistenzmanagements deutlich reduziert. Eine mögliche Resistenzgefährdung ergibt sich eher auf den Standorten wo eine Populationsdichte erhöht ist und dort, wo unzureichende Herbstbehandlungen mit gleichen Wirkstoffgruppen im Frühjahr wiederholt behandelt werden.
Zur Sicherstellung des gleichmäßigen Auflaufens der Kultur, bzw. der Ungräser, kann der Einsatz einer Walze nach der Saat sinnvoll sein. Diese Maßnahme unterstützt die Herbizidmaßnahme besonders unter „nicht optimalen Saatbettbedingungen“.
Optimale Anwendungsbedingungen …
Die Herbstbehandlung mit Bodenwirkstoffen hat bei der Gräserbekämpfung im Getreide in Niedersachsen einen entscheidenden Stellenwert in der Praxis erhalten. Sowohl zur Windhalmbekämpfung, als auch als Herbizidvorlage gegen Ackerfuchsschwanz im Herbst, haben insbesondere bodenwirksame flufenacethaltigen Herbizide eine unumstrittene Bedeutung bei der Vermeidung von Herbizidresistenzen im Getreide. Das Risiko einer überregionalen Resistenzentwicklung ist für Bodenwirkstoffe insgesamt nicht so hoch zu bewerten wie bei den blattwirksamen Wirkstoffen. Hohe Wirkungsgrade der Bodenherbizide sind möglich, wenn sie bei optimalen Bedingungen eingesetzt werden. Bei geringen Niederschlägen und weitgehend trockenen Bedingungen ist es mit reinen Bodenherbiziden schwer ausreichende Wirkungsgrade zu erreichen. Aber auch die blattaktiven Präparate benötigen entsprechende Anwendungsbedingungen.
Die gezielten Herbstbehandlungen bei Saat¬terminen bis Mitte Oktober sind meist wirkungssicherer als vergleichbare Frühjahrsbe¬handlungen. Die Wirkungssicherheit steigt, je besser die Bodenfeuchtigkeit ausgenutzt werden kann. Die Anwendung sollte daher so früh wie möglich (z.B. EC 9-11) erfolgen, also sobald die Fahrgassen zu „erahnen“ sind oder besser direkt nach dem Drillen!
Aus Sicht eines effektiven Resistenzmanagements ist zwingend erforderlich, dass besonders gefährdete Wirkstoffgruppen, wie z.B. die Sulfonylharnstoffe, nur einmal pro Kultur und einmal pro Fruchtfolge (ca. 3 Jahre) zur Anwendung kommen. Eine häufigere Anwendung dieser Wirkstoffgruppe würde die Entwicklung von Windhalm- und Ackerfuchsschwanzresistenzen auf einem Standort nur unnötig beschleunigen. Spritzfolgen von ALS-Hemmern sind zu vermeiden, gemeint sind hier Spritzfolgen von z.B. Lexus und Viper bzw. Falkon oder weitere in der Zulassung befindliche Herbizide wie Atlas oder Corello im Herbst gefolgt von Atlantis im Frühjahr oder mehrmalige Anwendungen von Atlantis (z.B. Herbst und Frühjahr) in einer Kultur.
Der Wirkstoffwechsel…
Dem regelmäßigen Wechsel der Wirkstoffgruppen auf der Fläche wird eine zentrale Bedeutung bei dem Herbizidmanagement zur Vermeidung von Resistenzen zugesprochen. Der Einsatz der Herbizide sollte über mehrere Jahre hinweg und in Verbindung mit der Fruchtfolgeerweiterung geplant sein, damit ein Wirkungswechsel tatsächlich stattfinden kann. Zu diesem Zweck werden die Herbizide nach ihrem Wirkprinzip („mode-of-action“) eingeteilt. Die Wirkstoffgruppen werden nach HRAC in Gruppen eingeteilt. Die Beschreibungen der Wirkstoffgruppen und deren Resistenzrisiko entnehmen Sie bitte nachfolgender Tabelle (Anmerkung der Redaktion: Tabelle an baden-württembergische Verhältnisse angepasst, Terbuthylazin-haltige Mittel sind in Baden-Württemberg in Wasserschutzgebieten verboten und werden darüber hinaus in Baden-Württemberg vom amtlichen Dienst nicht empfohlen.):
Die farblichen Kennzeichnungen der Wirkstoffgruppen werden in den nachfolgenden fruchtfolgeübergreifenden Herbizidempfehlungen ebenfalls verwendet, um hier auch optisch einen Wirkstoffwechsel zu überprüfen. Nachfolgende Beispiele zur Herbizidauswahl gegen Windhalm oder Ackerfuchsschwanz zeigen die Möglichkeiten des Wirkstoffwechsels innerhalb einer Fruchtfolge. Besonders in einer Rapsfruchtfolge kann mit Wirkstoffen mit einer geringen Resistenzgefährdung (z.B. Kerb fl.) nachhaltig einer Selektion von resistenten Ungräsern entgegengewirkt werden.
Fazit
• Die Wirkung von Herbiziden lässt zunehmend nach, zahlreiche Wirkstoffgruppen und zunehmende Unkrautarten sind betroffen.
• Ein Umdenken der Praxis in längerfristige „Wirkstoffplanungen“ ist zwingend erforderlich, um Herbizidresistenzen mittelfristig zu vermeiden und nachhaltig Ackerbau betreiben zu können.
• Neue Herbizide und Wirkstoffgruppen sind nicht in Sicht. Durch einseitigen Selektionsdruck würden aber auch hier schnell Resistenzen entstehen, wenn die flankierenden ackerbaulichen Maßnahmen (Fruchtfolgen, Bodenbearbeitung, und Saattermine) nicht zum Einsatz kommen.













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