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Rolf Brauch zu gerechter Honorierung

Sind faire Preise eine Illusion?

Die Forderung nach fairen Preisen stößt auf breite Zustimmung. Nicht zu verwirklichende Appelle können jedoch zu Enttäuschung und Aggression führen. Rolf Brauch plädiert für einen konstruktiven Prozess zu besserer Marktpartnerschaft. Brauch ist Regionalbeauftragter des Kirchlichen Dienstes auf dem Lande für Nordbaden und unterrichtet an der Ländlichen Heimvolkshochschule Mosbach-Neckarelz (Neckar-Odenwald-Kreis).
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  Rolf Brauch ist Regionalbeauftragter des Kirchlichen Dienstes auf dem Lande für Nordbaden und unterrichtet an der Ländlichen Heimvolkshochschule Mosbach-Neckarelz (Neckar-Odenwald-Kreis).
Rolf Brauch ist Regionalbeauftragter des Kirchlichen Dienstes auf dem Lande für Nordbaden und unterrichtet an der Ländlichen Heimvolkshochschule Mosbach-Neckarelz (Neckar-Odenwald-Kreis). Privat
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Rolf Brauch zu gerechter Honorierung

Sind faire Preise eine Illusion?

Rolf Brauch, Regionalbeauftragter des Kirchlichen Dienstes auf dem Lande für Nordbaden, unterrichtet an der Ländlichen Heimvolkshochschule Mosbach-Neckarelz (Neckar-Odenwald-Kreis), einer ökumenischen Einrichtung der Erwachsenenbildung. Die Forderung nach fairen Preisen stößt auf breite Zustimmung. Nicht zu verwirklichende Appelle können jedoch zu Enttäuschung und Aggression führen. Brauch plädiert im Gespräch mit BWagrar für einen konstruktiven Prozess zu besserer Marktpartnerschaft.

 

BWagrar: Herr Brauch, was sind faire, gerechte Preise für Landwirte?

Brauch: Gerechtigkeit ist ein wichtiger Wert in unserer Gesellschaft. Die meisten Menschen erwarten, dass es im Kleinen wie im Großen gerecht zugeht. Was das konkret im Alltag heißt, darüber gehen die Vorstellungen aber oft weit auseinander. Das liegt auch daran, dass es ganz verschiedene Konzepte von Gerechtigkeit gibt, die wiederum zu ganz verschiedenen Konsequenzen führen.

Bedeutet Gerechtigkeit zum Beispiel

  • Leistungsgerechtigkeit – wer mehr leistet, soll auch mehr bekommen?
  • Oder Gleichheit?
  • Oder Deckung der individuellen Bedürfnisse, also Versorgung begründet mit der Würde jedes Menschen unabhängig von seiner Leistung?

Auf alle Fälle braucht Gerechtigkeit Kommunikation und ein Beziehungsgeschehen. Gerechtigkeit lässt sich nicht im Vollzug von Rechtsbestimmungen und Gesetzen erfüllen.

Die Forderung nach gerechten oder fairen Preisen für Landwirte findet zwar ungeteilte Zustimmung bei der Politik, den Berufsverbänden, dem Lebensmittelhandel und den Kirchen. Appelle, die nicht umsetzbar sind, können jedoch in Aggression und Depression enden – und in Enttäuschung, auch weil man sich getäuscht hat.

BWagrar: Was bedeutet das für die Erzielung besserer Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse?  

Brauch: Im Idealfall schaffen Preissignale ein Marktgleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Preise haben damit nur indirekt über die Erlöse und Kosten aus der Produktion eine Einkommenswirkung. Das Einkommen entsteht aus dem Gewinn, der Differenz von Erlösen minus Kosten. Da wir verschiedene Produktionskosten haben, gibt es gar kein gerechtes System der Preisfindung, das für alle „Gerechtigkeit“ darstellt.

Ein Beispiel: 70 Cent für einen Liter Milch ist für den Schwarzwald-Bauer angemessen, für einen großen Milchviehbetrieb mit Silomais in der Ebene eine „Gelddruckmaschine“.

 

„Gerechtigkeit braucht Kommunikation und
Beziehungsgeschehen. Sie lässt sich nicht mit Rechtsbestimmungen erfüllen.“

 

Höhere Preise führen nur kurzfristig zu höheren Einkommen, da durch die dadurch induzierte höhere Produktion in aller Regel die Preise wieder fallen – es sei denn, es handelt sich um wachsende Märkte. Wer einfach nur faire und damit höhere Preise fordert, hat aus dem Scheitern der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) alter Prägung nichts gelernt. Dort haben die Garantiepreise zu hoher Produktion aber nicht zu paritätischen Einkommen geführt.
Eine entscheidende Frage bei der Durchsetzung höherer Preise wegen höherer Standards und höherer Kosten ist der Außenschutz: Höhere Preise für höhere Standards setzt eine Regelung an den EU Grenzen voraus. Sonst werden die Produkte nur ausgetauscht – und dann kommen die relativ billigeren Produkte eben aus anderen Ländern.

Ein gutes Beispiel für „gerechte Preise“ ist der Markt für Bio-Milch: Es wird nur so viel Milch kontrahiert wie absehbar zu dem höheren Preis im Markt unterzubringen ist. Das setzt aber den Willen voraus, dass sich Landwirte mit den Verarbeitern und Vermarktern auf eine gewisse Mengensteuerung verbindlich einlassen, von der beide Seiten profitieren. Die Frage lautet: Warum geschieht das nicht in mehr Marktsegmenten, obwohl nach EU-Recht Branchenverbände erlaubt sind?

Die Forderung nach fairen Preis ist verständlich und emotional entlastend gerade in Zeiten massiven Drucks auf die Landwirtschaft, als Appell aber wirkungslos.

Und dann kommen noch die Widersprüche: Warum zahlen Landwirte weiterhin hohe Pacht- und Grundstückspreise jenseits ökonomischer Rationalität? Oder bauen Landwirte große Milchviehställe, wenn der Vollkostenpreis für Milch schon seit Jahren immer deutlich unter dem Marktpreis liegt? Hier ist nach meiner Einschätzung auch die Frage der Investitionsförderung des Staates kritisch zu prüfen, weil damit falsche Anreize gesetzt werden, zum Beispiel durch Verschleierung der vollen langfristigen Kosten.

Was wir brauchen sind gute Beispiele für Marktpartnerschaft mit der alle Beteiligten leben können – und das könnte heißen Mindest-, aber auch Höchstpreise, die nicht „gewürfelt“ sind, sondern sich an transparenten Berechnungen orientieren. Hier gibt es zarte Hoffnungszeichen wie für Schweinefleisch bei Edeka Südwest.

BWagrar: Was heißt das für die Agrarpolitik?

Brauch: Für die Agrarpolitik heißt das zum Beispiel die konsequente und schnelle Umsetzung des Borchert-Plans und eine mutige Umsetzung der Eco-Schemes durch Gemeinwohlprämien. Bei diesen beiden Beispielen werden gesellschaftliche Leistungen definiert und für Landwirte verlässlich honoriert. Die Arbeit der Landwirte und ihre Bezahlung müssen im Mittelpunkt stehen.

Landwirte sind klug beraten, sich neben dem Lebensmittel- oder auch Rohstoff- und Energiemarkt mit einem Gemeinwohlmarkt anzufreunden. Je schneller, konsequenter und kompetenter sich dem die Landwirte stellen, desto weniger sind sie Getriebene, sondern Mit-Gestalter des Wandels. Das heißt aber auch, sich von der Argumentationsfigur der „gerechten Preise“ zu verabschieden und sich zu einem machtvollen Gegenüber der großen Vier zu entwickeln – oder mit der Unaustauschbarkeit beim Kunden zu punkten.

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