Leiser: Der Handlungsdruck ist da
Noch zwei Wochen bis zur Bundestagswahl. Wir stellen Kandidatinnen und Kandidaten aus Baden-Württemberg näher vor. Im Mittelpunkt stehen dabei die persönlichen Einstellungen und Motivationen. Diese Woche: Kevin Leiser, SPD.
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Der 28-Jährige Kevin Leiser ist als Lehrer der Fächer Mathematik, Gemeinschaftskunde und Wirtschaft an einem Gymnasium in Crailsheim tätig und kandidiert im Wahlkreis Schwäbisch Hall–Hohenlohe für die SPD.
BWagrar: Herr Leiser, bitte stellen Sie sich kurz unseren Leserinnen und Lesern vor und beschreiben Sie bitte kurz Ihren Bezug zum Thema Landwirtschaft.
Leiser: Ich bin Lehrer am Gymnasium, für Politik, Mathematik und Wirtschaft. Ich engagiere mich in der Region Schwäbisch Hall–Hohenlohe im Gemeinderat und im Kreistag. Ich komme aus einer kleineren Ortschaft, in der auch unsere direkten Nachbarn Landwirte waren. Auch viele meiner Freunde und Bekannten sind Landwirte. Seitdem ich politisch hier in der Region aktiv bin, habe ich ganz automatisch relativ viele Berührungspunkte zur Landwirtschaft. Besonders beim Thema Biotopvernetzung, weil hier der Umweltschutz die Landwirtschaft als Partner braucht.
BWagrar: Wie sieht für Sie Landwirtschaft im Jahre 2050 aus?
Leiser: 2050 ist in meinem Bild die Lebensmittelversorgung nach wie vor sichergestellt. Die Landwirtschaft ist angepasst an die Erfordernisse des Klima- und Umweltschutzes. Tierwohl ist genau definiert und nach Möglichkeit haben wir regionale Landwirtschaft und Verkaufsstrukturen. Die Landwirte haben ein auskömmliches Einkommen. Wir haben faire Preise und eine faire Handelspolitik. Der Boden ist kein Spekulationsobjekt mehr. Zudem haben wir gute Löhne und Arbeitsbedingungen, auch für Saisonarbeitskräfte. Die größte politische Herausforderung wird nicht nur sein, dieses Zielbild zu konkretisieren, sondern es gilt auch einen Weg dahin abzustecken, der für möglichst viele gangbar sein sollte.
BWagrar: Gehen wir davon aus, dass es Ihnen gelingt, ein Mandat zu erlangen. Was möchten Sie persönlich in der nächsten Legislaturperiode erreichen?
Leiser: Ich möchte dazu beitragen eben diesen Weg zu definieren und die ersten Schritte zu gehen. Ich hatte in den letzten Jahren mit Landwirten und Umweltschützern Kontakt. Diesen Austausch möchte ich gerne intensivieren. Wichtig sind dabei nicht nur die EU- und die Bundesebene, sondern auch der Dialog vor Ort. Als Bild vergleiche ich dabei die Landwirtschaft mit einem großen Tanker. Die Landwirtschaft kann nicht so schnell ihren Kurs ändern, wie ein kleines Schnellboot.
BWagrar: Wenn wir von Agrarpolitik sprechen, sprechen wir häufig von EU-Politik. Wie sehen Sie die Rolle des Bundestags und wo sehen Sie ihren Gestaltungsspielraum?
Leiser: Die EU hätte mit dem Mittel der Verordnung die Möglichkeit unmittelbar bindende und vor allem einheitliche Bedingungen in Europa zu schaffen. Ich würde mir wünschen, dass das funktioniert. Denn wir haben einen europäischen Binnenmarkt und in dem sollten möglichst einheitliche Regeln gelten. Aber die Gesellschaften und Strukturen vor Ort sind verschieden, weshalb seitens der EU oft die Richtlinie gewählt wird. Sie bietet den Mitgliedsstaaten die Möglichkeit nationaler Anpassungen. Wenn man höhere Anforderungen setzt, bleibt die Frage, wie das finanziert werden soll. Sehr häufig verbleibt die Kostendifferenz bei den Landwirten. Ich sehe hier die Möglichkeit, die Differenz zwischen dem EU-Standard und der nationalen Regel staatlich zu finanzieren.
BWagrar: In den letzten Jahren haben immer mehr Landwirte ihrer Unzufriedenheit mit der Agrarpolitik öffentlich Luft gemacht. Treckerdemos in Berlin und vielen anderen Städten. Was sagen Sie diesen – offensichtlich unzufriedenen – Landwirten?
Leiser: Ich habe Verständnis dafür, dass ihnen ein klarer Pfad fehlt, der ihnen ja auch Sicherheit gibt. Ich habe auch Verständnis dafür, dass sie um ihre eigene Existenz kämpfen, denn gerade in der Landwirtschaft haben wir viele Familienbetriebe. Die aktuelle Generation ist jetzt die, die vielleicht die Landwirtschaft aufgeben muss. Hier möchte ich einen Beitrag dazu leisten, dass wir einen transparenten Fahrplan hinbekommen. Kein Verständnis habe ich dafür, dass zum Teil unwahre Aussagen verwendet werden. Was ich auch nicht versprechen kann und will, ist, dass jeder Hof in Zukunft bestehen bleibt.
BWagrar: Vor wenigen Wochen hat die Zukunftskommission Landwirtschaft ihren Abschlussbericht vorgelegt. Was sagen Sie zu den Ergebnissen der Borchert-Kommission?
Leiser: Die Zusammenfassung der Ergebnisse lässt einen Handlungsdruck erkennen, dass die Landwirtschaft eine wichtige Bedeutung für die Versorgungssicherheit hat. Gleichzeitig wird der Handlungsdruck erkannt, dass Natur und Tiere übernutzt werden. Außerdem führt der Kostendruck dazu, dass es ökonomisch, ökologisch und sozial nicht zukunftsfähige Verhaltensweisen gibt. Die Kosten zwingen quasi dazu. Einigen Punkten kann ich sofort zustimmen. Zum Beispiel, dass wir am Beginn eines tiefgreifenden Transformationsprozesses stehen, der eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist.
BWagrar: Wir wollen Sie in diesem Interview persönlich etwas besser kennenlernen. Trotzdem können wir die Schlagworte, mit denen die Landwirtschaft sich gerade beschäftigt, nicht außen vor lassen. Bitte kommentieren Sie diese jeweils so kurz und knapp wie möglich. Am liebsten je einen Satz:
Leiser: Fördermittel: Wir werden die Agrarförderung so ausrichten, dass eine umweltschonende Landwirtschaft im Wettbewerb mithalten kann. PSM-Reduktion: Wir wollen den Einsatz von Dünger und von Pestiziden reduzieren. Biodiversität: Wir setzen uns ein für eine Biodiversitätspolitik, um Ökosysteme zu schützen und wiederherzustellen.
BWagrar: Warum engagieren Sie sich politisch und bewerben sich um ein Mandat?
Leiser: Begonnen hat das politische Interesse für mich in der Schulzeit im Fach Gemeinschaftskunde. Das Fach hat mich sehr interessiert. Ich habe dann angefangen politische Bücher zu lesen. Kurz vor dem Abitur bin ich dann auch in die Partei eingetreten. Dann kam eins nach dem anderen, von Parteiämtern, über kommunalpolitisches Engagement, bis zur Kandidatur Es macht mir einfach Spaß, mich in gesellschaftliche Probleme hineinzudenken, mit Menschen zu sprechen und Lösungen zu finden. Das würde ich gerne hauptamtlich machen.
BWagrar: Herr Leiser, Ihr Schlusssatz. Landwirtschaft ist für mich…
Leiser: …mehr als der Inhalt meines Einkaufskorbes.
In Baden-Württemberg haben 27 Parteien eine Liste zur Bundestagswahl beim Landeswahlleiter eingereicht. Wir konzentrieren uns auf die im aktuellen 19. Bundestag vertretenen Parteien. Bis zur Wahl am 26. September werden Sie jede Woche in alphabetischer Reihenfolge Interviews der AfD, Bündnis 90 / Die Grünen, CDU, Die Linke, FDP und SPD lesen.
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