Waldbewirtschaftung neu denken
Erholungsraum, Lebensraum, Nutzung: Die Ansprüche an den Wald steigen, sowohl von Seiten der Gesellschaft als auch von Seiten des Bewirtschafters. Doch allen Veränderungen zum Trotz will man in Baden-Württemberg am Prinzip der naturnahen Waldbewirtschaftung auf jeden Fall festhalten. Bei den in diesem Winterhalbjahr stattfindenden "Waldgesprächen" geht es um einen breit angelegten sachlichen Dialog im Rahmen der Waldstrategie 2050. Die Veranstaltungen laufen noch bis März 2022.
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"Ziel dieser Waldstrategie ist es, die Wälder in Deutschland mit ihren vielfältigen Ökosystemleistungen für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft, die Natur sowie die Wirtschaft zu erhalten und an die sich ändernden klimatischen Bedingungen anzupassen", heißt es zur Broschüre "Waldstrategie 2050" des Bundesministeriums Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) im September 2021. Für Baden-Württemberg sagt Forstminister Peter Hauk, MdL: „Wir stehen erst am Anfang eines lang anhaltenden Veränderungsprozesses unserer Wälder. Deshalb wurde die Erarbeitung der Waldstrategie Baden-Württemberg gestartet. Mit der Waldstrategie wollen wir unter Beteiligung verschiedener Akteurinnen und Akteure, die dem Waldsektor zuzuordnen sind oder mit dem Waldsektor in Verbindung stehen, die strategischen Stoßrichtungen herausarbeiten, mit denen wir diesen Entwicklungen begegnen können.Vor diesem Hintergrund finden im Winterhalbjahr verteilt auf sechs verschiedene Termine von Oktober bis März so genannte Waldgespräche statt, der Auftakt war am 29. Oktober 2021.
Klimawandel schreitet voran
"Wir befinden uns in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Der Handlungsdruck angesichts des rasch voranschreitenden Klimawandels ist groß. Gleichzeitig steigt das Interesse am Wald. Das Selbstverständnis der Forstwirtschaft gerät in Bewegung", meinte Sebastian Schreiber, MLR Pressesprecher und Moderator des Online-Forums. Die gute Nachricht ist: Der Wald speichert das klimaschädliche Kohlendioxid (CO2) und hat damit eine wichtige CO2-Senke-Funktion. So sei auch die Nutzung der Wälder ein wichtiger Teil des Klimaschutzes. Für die Artenvielfalt und Biodiversität gilt das Ökosystem Wald als äußerst wertvoll. Die schlechte Nachricht: Der Wald ist durch den Klimawandel gefährdet. Das habe man in den vergangenen Jahren nicht nur bei den Nadelhölzern gesehen, mit dem Trockenstress und der Borkenkäfer-Problematik. Unter der Trockenheit leide mittlerweile auch die Buche, eine der Hauptbaumarten im Land. Eine Situation, die sich bei einer weiteren Temperaturerhöhung der Erdatmosphähre verschärfen dürfte.
Bauen mit Holz weiter ausbauen
Forstminister Hauk möchte das Bauen mit Holz weiter vorantreiben: "Zement kann man nur ersetzen, wenn man beim Holzbau Alternativen entwickelt." Die Nutzung der Wälder stehe für ihn künftig weiter im Vordergrund. Demnach sei unter anderen auch die höherwertige Laubholzverwendung wichtig. Im Jahr 2020 habe man von Ministerium aus alle Akteure rund um den Wald eingeladen, sich Gedanken zu machen und an der Waldstrategie mitzuarbeiten. Das Landeskabinett hat dann im Januar 2021 den Katalog aus 23 Zielen der Waldstrategie bestätigt. "Diese Ziele sind die Richtschnur für unser Handeln in den nächsten Jahren", so Hauk.
Mehr Digitalisierung für den Wald
Damit die Wälder wieder vitaler werden, gibt es waldbauliche Programme. Waldnaturschutz-Förderprogramme würden zusammen mit den Landwirtschaftsprogrammen weiterentwicklet. Zur Stärkung der Digitalisierung gibt es das Projekt „Waldwirtschaft 4.0“, https://waldwirtschaft-digital.de/index.html. Über das Portal können unter anderen die Förderprogramme für den Wald abgerufen werden können. Mit der Waldexpert-App, https://wald.expert/. Damit lässt sich über das Smartphone der eigene Wald finden, spezifische Informationen zum jeweiligen Standort können abgerufen werden.
Waldbesitzer erreichen und motivieren
"Wir wollen den Privatwald stark halten, um die Besitzer auch zu motivieren", hieß es. Beratung und Unterstützungsmaßnahmen seien dringend erforderlich. Dabei sei es oftmals alles andere als einfach, die verschiedenen Besitzer auch zu erreichen. "Jedes Jahr kommen in Deutschland 60.000 neue Privatwaldbesitzer hinzu. Die muss man erst einmal überzeugen, dass sie im Wald aktiv etwas machen müssen. Sie begeistern und motivieren," berichtete Dr. Jens Borchers von der Forstkammer Baden-Württemberg.
Keine zu starken Eingriffe
Wenn man die Wälder stärkt, wird man bestmöglich durch die Klimakrise kommen, ist Johannes Enssle, NABU-Landesvorsitznder von Baden-Würrtemberg, überzeugt. Um das Waldklima nicht zu schädigen, dürften Eingriffe nur behutsam und nach dem Minimum-Prinzip erfolgen. Starkes Auslichten, große Rückegassen und ein zu schneller Umtrieb seien seiner Ansicht anch die falschen Strategien. Wer den Wald schützen wolle, müsse das Klima schützen. Enssle forderte Försterinnen und Förster sowie die Waldbesitzer auf, an den Fridays for Future-Demos für mehr Klimaschutz teilzunehmen.
Verschiedene Szenarien
"Wir brauchen mehr Demut. Keiner hat das richtige Konzept. Und es wird etwas auf uns zukommen, was so noch nie dagewesen ist", so Enssle. Beim Blick in die Zukunft arbeite man mit verschiedenen möglichen Szenarien, so Enssle. Wenn man sich die weltweite Entwicklung anschaut, sagt er, müsse man sich eher auf die schlimmeren Szenarien einstellen (Flüchtlingskrise, das Abholzen der Regenwälder und vieles mehr). "Es kann nicht sein, dass alles im Kielwasser der nachhaltigen Holzutzung untergeordnet wird. Vielmehr kommen wichtige Ziele hinzu. Allein am Wald wird das Klima nicht gerettet werden." „Aber ohne den Wald auch nicht“, kontert der Minister
Bejagung ist wichtig für Naturverjüngung
Beim Klimawandel gebe so genannte Kipping-Points, zum Beispiel wenn die Permafrostböden auftauten und danach riesige Methanwolken aufsteigen würden. "Das macht mir große Sorge," meinte der 34-jährige Enssle. Die Bejagung sollte noch viel stärker stattfinden, damit die Naturverjüngung besser funktioniert, findet Enssle. Denn ein Naturwald sei stabiler als ein gepflanzter. Es müsse darum gehen, den Wald als Ganzes in seiner Ökosystemfunktion zu erhalten. Dazu müsse ein Teil des Waldes aus der Nutzung genommen werden. Zehn Prozent des Staatswaldes sollten seiner Einschätzung aus der Nutzung genommen werden. "Wir wissen heute noch gar nicht, ob die Wälder tatsächlich zu einer CO2-Senke werden oder vielleicht doch sogar eher zu einer CO2-Quelle, falls sie zu stark in Mitleidenschaft gezogen würden."
Mehr einmischen?
"Wir verbrennen derzeit mehr als 50 Prozent des Buchen-Rohholzeinschlages direkt vom Wald in den Kamin", kritisierte Enssle. Eine Baubuche wäre da schon sehr wichtig (Stichort: Bauen mit Holz). Die Forstwirtschaft müsse sich seiner Ansicht nach stärker in die Politik einmischen und dürfe nicht auf Almosen warten. "Ich sehe hier große Potenziale, aber man darf die Rolle des Waldes auch nicht überhöhen", so Enssle.
Respekt vor dem Eigentum
Der Unternehmensberater Dr. Jens Borchers, Leiter des Forstbetriebs Fürst zu Fürstenberg mit rund 18.000 Hektar Fläche, ließ keinen Zweifel daran, dass der Respekt vor dem Eigentum auch in Zeiten des Klimawandels das wichtigste Gut sei. Kommunale und private Waldbesitzer warteten mit großer Spannung auf Anreize und Angebote, um ihr Handeln an den gesellschaftlichen Wünschen auszurichten. "Wald ist für mich gelebte Verantwortung. Ich sehe Wald mit der Brille der Eigentümer, der Sorge um Mitarbeiter und um Vermögen." Vieles sei in den vergangenen Jahren in Bewegung gekommen. "Wir müssen mit dieser Dynamik umgehen. Die Verantwortung für ein großes Forstvermögen ist der Wahnsinn, weil das ja alles erst in Jahrzehnten zum Tragen kommt", so Borchers.
Aktive Waldpflege
"Wir brauchen einen neuen Blick auf den Wald, auf die Waldbewirtschaftung. Was machen wir mit den 120 Jahre alten Fichten, die mutmaßlich innendrin faul sind, die bis 45 Meter hoch sind? Das sind die Bäume, die uns Sorgen machen. Wir werden die Zukunft nicht meistern, mit überalterten Waldbeständen. Wir werden sie auch nicht mit einer überalterten Baumartenwahl meistern, und auch nicht mit minimalinvasiven Eingriffen, die man überhaupt gar nicht merkt. Wir werden sie nur meistern, mit einer aktiven Waldnutzung. Diese aktive Nutzung muss anders ablaufen als vielfach in der Vergangenheit", so Borchers. Ziel sei ein vitale Wald. Das beginne mit Neupflanzungen, die seien erforderlich, weil die Naturverjüngung allein nicht ausreiche. "Die Bäume dürfen nicht erst alt und 50 Meter hoch werden, um dann zu verdürren oder vom Käfer gefressen zu werden. Man muss die Waldbesitzer mitnehmen und sie auf den neuen Waldbau einschwören", findet Borchers.
Weitere Anwendungen gesucht
Wer nur wenig Wald habe und ausschließlich das Brennholz nutze, sollte sich überlegen, ob er den Wald nicht eigentumsübergreifend bewirtschaften lässt. "Ich verbrenne auch gerne Buche in meinem eigenen Ofen. Ich würde sie aber lieber für 100 Euro pro Festmeter als Bauholz als für 60 Euro als Brennholz verkaufen", so Borchers. Und: "Man darf jetzt nicht so tun, also ob die Waldbesitzer am liebsten ihren Wald in die Röhre schieben. Das wollen wir nicht. Aber es gibt kaum Alternativen. Da dürfen wir uns nichts vormachen", so der Forstmanager. Laut Enssle wird Holz knapp und wertvoll: "Es einfach nur zu verbrennen, kann nur eine Brückentechnologie sein, später werden wir es am Körper tragen, und damit Auto fahren. Deswegen ist die Laubholztechologieforschung so wichtig in Baden-Württemberg."
Holzernte allein reicht nicht mehr
Borschers machte in seinen Ausführungen deutlich, dass die Wirtschaftlichkeit des Waldes durch die Holzgewinnung allein vielerorts schon längst nicht mehr gegeben sei und die staatlichen Gelder nicht ausreichten. "Eine Waldarbeitsstunde kostet 40 Euro. Was kann ich dafür bekommen? Die Holzernte reicht nicht aus, um damit Geld zu verdienen. Das geht, wenn überhaupt, nur mit dem Harvester", so Borchers. Ein exhorbitant ansteigender Holzpreis sei eine Illusion, dazu werde es nicht kommen. "Wir brauchen die Freiheit, selbst zu entscheiden und selbst in die Zukunft zu investieren." Der eine macht aus seinem Wald einen Friedwald, der andere hat die Möglichkeit auf der Fläche ein Windrad zu errichten oder wieder ein anderer gestaltet einen Erholungswald vielleicht mit einem Parcourt. "Statt mehr Freiheit, erleben wir pausenlos mehr Einschränkungen. Das kann es nicht sein", kritisierte Borchers die Politik.
Eigentümer sollten sich zusammenschließen
"Ich kann nicht erkennen, dass es gewünscht ist, dass sich die Eigentümer selbst organisieren. Hilfe zur Selbsthilfe wäre angebracht", meinte Dr. Borchers. Stattdessen beobachte er eine Konkurrenz zwischen den Landkreisforstämtern und den forstwirtschaftlichen Betriebsgemeinschaften nach dem Motto: "Wer hat die Hohheit über den Wald." Ziel sollte sein, die Waldbesitzer zu motivieren, dass sie sich mehr für ihren Wald interessieren und sich kümmern. "Dass da jeder einzeln mit der Motorsäge loszieht, ist ein Bild, das der Vergangenheit angehört. Das ist unrealistisch", meinte Borschers und fügte hinzu: "Der urbane Waldbesitzer weiß noch nicht einmal wie die Motorsäge angeht, geschweige denn wie man die Kette schärft." Dabei steige die Zahl der Waldbesitzer. Durch Erbschaft und Realteilung. Aber die Zahl der aktiven Waldbesitzer nehme ab. "Damit müssen wir lernen umzugehen. Die Beteiligung derer, die Wald besitzen, müssen wir unbedingt erhöhen", so Borchers.
Nutzungsrechte und Kooperationen
Ein Phänomen, das er beobachte sei, dass je schlechter es wirtschaftlich im Wald laufe, desto weniger würden die Besitzer bereit sein, den Wald zu verkaufen. "Eigentlich völlig paradox", so Borchers. Das Holz werde weniger wert, aber der Wald als Grund und Boden steige im Wert. Vielleicht müsse man daran anknüpfen und überlegen, ob sich Nutzungsrechte und Kooperationen besser auf den Weg bringen lassen. Im Südschwarzwald zum Beispiel gebe es viele Betriebe, die künftig kein Holz mehr ernten werden. Vielleicht ließen sich wieder Genossenschaften gründen, über die Besitzer ihren Wald gemeinsam bewirtschaften lassen. "Mehr Bürgerbeteiligungen, mehr Waldbesitzer in Waldeigentümergemeisnchaften. Die Frage der Organisation der Privatwaldbesitzer beschäftigt uns sehr", so der Minister. Genossenschaften seien gefragt um hier zu helfen, mit dem Ziel, die Bewirtschaftung zu verbessern, ohne die Eigentumsrechte zu schmälern. Dazu gebe es im MLR eine Arbeitsgruppe, die Ende nächsten Jahres Vorschläge vorlegen werde.
Das Erbe unserer Vorfahren
Borchers erinnerte an die Landfristigkeit der Waldarbeit: "Was wir heute bewirtschaften, hat keiner von uns selbst in Gang gesetzt. Das waren alles unsere Vorfahren." Deswegen müsse man heute mehr Dinge zulassen, die dann erst viele Jahre später Realität werden. "Hier wünsche ich mir mehr Optimisums. Wir müssen im Privateigentum Wald zu lassen, dass sich Dinge verändern", so Borchers.
Den Umbau aktiv steuern
"Wie können wir Wälder waldbaulich so steuern, dass die vielen Ökosystemleistungen zum Tragen kommen?", mit dieser Frage beschäftigt sich Prof. Dr. Jürgen Bauhus, Uni Freiburg. Er forscht im Bereich der Entwicklungsdynamik der Wälder und sitzt im wissenschaftlichen Beirat für Waldpolitik des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Der Wald sei Grundlage für unser Wohlbefinden. Die Anpassung und Resilienz der Wälder sei wichtig. Hier müsse rasch gehandelt werden. Da die Waldbewirtschaftung komplexer werde, um die Bäume vitaler zu machen, stiegen auch die Kosten. "Wir benötigen massive Investitionen der Waldbesitzer, bei größtmöglicher Unsicherheit. Das passt nicht gut zusammen", zeigte Bauhus den Spannungsbogen auf.
Kleinprivatwaldförderung ist wichtig
Insbesondere im Privatwald habe man nicht die Strukturen und die Kapazitäten, um das zu leisten, was erforderlich wäre. Die Honorierung von Ökosystemleistungen sei ganz wichtig. Nach dem Motto: "Wir honorieren dich nicht, wenn deinen Wald stilllegst, sondern wenn du ihn vital hälst und das in einem abgestuften System." So ein System lasse sich schnell implementieren, ohne Zeit zu verlieren. Der Privatwaldbesitz müsse hier noch viel besser mitgenommen werden. Professor Bauhus sieht sehr viel Engagement bei den Studierenden, um über die Rolle des Waldes zu informieren. "Wir müssen auch mehr forschen und mehr Leute für die Forschung begeistern. Wald- und Holzforschung muss gestärkt werden. Da passieren auf vielen Ebenen gute Dinge. Ja, das macht Mut."
Hinweis: Die Teilnahme an den Waldgespächen ist kostenlos. Eine Anmeldung ist erforderlich http://www.alr-bw.de (siehe Flyer).
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