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Bäuerinnenforum auf der Grünen Woche

Von Wutbürgern und Wutbauern

Angesichts der aufgeheizten Stimmung zwischen Bauernschaft, Politik und Gesellschaft diskutiert der Deutsche LandFrauenverband (dlv) beim diesjährigen BäuerinnenForum über die Zukunft der Landwirtschaft. Dabei steht zwischen den 220 LandFrauen und Gästen das Für und Wider eines Gesellschaftsvertrages zwischen Landwirtschaft und Verbraucherinnen und Verbrauchern, Politik und Wirtschaft im Zentrum der Debatte.
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Rueß
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„Durch fehlende Rahmenbedingungen und immer neue Regelungen fehlt uns Bäuerinnen und Bauern die Planbarkeit für unsere Zukunft. Und diese Unsicherheiten katapultieren ohnehin schon wirtschaftlich angespannten Betriebe zunehmend ins Aus. Dass man dann auf die Straße geht, verstehe ich gut, halte es aber auch für wichtig, an dieser Stelle nun verbal abzurüsten. Die Dynamik und Energie der letzten Monate müssen wir nutzen, um konstruktiv über die Zukunft der Landwirtschaft zu sprechen“, sagt Petra Bentkämper, dlv-Präsidentin, zu Beginn des BäuerinnenForums mit Blick auf die Proteste der letzten Monate.

Wo die Bruchlinien verlaufen und wie rau der Ton in der Debatte besonders im Netz geworden ist, berichtet Dirk Fisser von der Neuen Osnabrücker Zeitung. Der Journalist hinterfragt, wer über Landwirtschaft kommuniziert und wie darüber gesprochen wird. Er stellt fest: Über Landwirtschaft berichten vor allem die landwirtschaftlichen Verbände und die Nicht-Regierungsorganisationen (NGO). In den sozialen Netzwerken findet dabei längst keine sachliche Diskussion mehr statt, sondern es gibt fort vor allem Extrempositionen, stellt er fest.

Bauernblase im sozialen Netzwerk

„Die sozialen Netzwerke sollen eigentlich die Welt öffnen“, sagt Fisser. Doch oft passiere das Gegenteil: Man befreunde sich mit Menschen aus den eigenen Reihen mit denselben Interessen und vor allem der gleichen Meinung. Was dann passiert ist klar: Es entstehen Blasen. So treffe er als Journalist beispielsweise in der „Bauernblase“ vor allem Menschen, die Argumenten gegenüber nicht mehr zugänglich sind und die sich allen Informationen, die andere Meinung tragen, verweigern.

Stadt-Land-Konflikt?

Den „Stadt-Land-Konflikt“ gibt es in seinen Augen nicht. Wiederstand entstehe meist direkt vor Ort: Auf dem Land. Beispielsweise Bürgerbewegungen bei Stallneubauten. Auch das Mobbing gegen Bauernkinder passiere nicht in den Städten, sondern in den Landschulen.

Aus Reportersicht weist er den Vorwurf zurück, Umwelt-NGOs, Politik und Medien würden im Einklang gegen die Landwirtschaft agieren. Den Vorwurf bekomme seine Zeitung oft. Doch Auswertungen zeigen: „Wir berichten ausgewogen über positive und negative Dinge in der Landwirtschaft“.

Seiner Ansicht nach, müsse sich die Agrarpolitik auch eigene Fehler eingestehen und ihr Tun besser vermitteln, wenn sie verstanden werden wollen. „Wenn eine Branche kritisiert wird, dann hat sie zuerst die Möglichkeit selbst etwas gegen den Missstand zu tun“, sagt Fisser. Passiere dies nicht, dann greife die Politik ein. In der Landwirtschaft sei es mittlerweile allerdings schon so weit, dass an die Rolle des Gesetzgebers der Handel getreten ist. Nachteil für die Agrarbranche: Der Handel macht keine Übergangsregelungen.

Dass Journalisten nur Auflage wollen sei eine Phrase. Im Gegenteil: Zeige seine Zeitung Bilder von Tieren, die schlecht gehalten werden, gebe es Anrufe in der Redaktion: „Zum Frühstück wolle man solche Aufnahmen nicht sehen“. Auch Einschaltquoten gehen nicht nach oben. Das sei für jedermann nachprüfbar im Internet.

Fisser rät, dass die Landwirtschaft über eine professionelle Branchenkommunikation nachdenken sollte. Der Fokus sollte dabei liegen Gemeinsamkeiten mit dem Verbraucher, mit den NGO herauszuarbeiten. Das gebe ein positives Bild.

Dialogforen schaffen

Auch Dr. Klaus Heider vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) stellt in seinem Impulsvortrag in Richtung der Landwirtschaft fest: „Ihre Zukunftsfähigkeit steht und fällt mit der Akzeptanz ihrer Wirtschaftsweise und mit der Frage, wie konstruktiv sie an der Bewältigung der Herausforderungen mitarbeitet.“ Politik gestalte Rahmenbedingungen und stelle mehr Finanzmittel denn je zur Verfügung. Mit der Einrichtung einer „Zukunftskommission Landwirtschaft“ und eines nationalen Dialogforums schaffe das Ministerium außerdem Plattformen, wo Zielkonflikte im Dialog gelöst werden können.

Dr. Chistiane Paulus, Abteilungsleiterin im Bundesumweltministerium, stellt klar, dass gute Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft von der Politik kommen müssen. Für einen Gesellschaftsvertrag müssten alle Seiten gesprächsbereit sein und sich dabei an wissenschaftlichen Fakten orientieren. Es brauche dafür eine grundlegende Veränderungsbereitschaft aller Beteiligten, auch der Ernährungsindustrie und des Handels.

Neue Wege der Kommunikation

In der offenen Diskussion wird deutlich, wie schwierig ein gemeinsamer Dialog aktuell ist. Für alle Beteiligten steht dennoch fest: Es geht nur miteinander und nicht gegeneinander. Von der Politik wünschen sich die Bäuerinnen und Bauern zunächst konkrete, nachvollziehbare Maßnahmen. Nur so könne sichergestellt werden, dass die Gesellschaft sehe, dass etwas passiere. Einen konkreten Fahrplan der Regierung wünschen sich die Anwesenden aber auch, um ihr eigenes Handeln planvoll ausrichten zu können.

Die Gäste des BäuerinnenForums zeigen, dass sie sich als engagierte Landwirtinnen und Landwirte mit pauschalisierter Kritik konfrontiert sehen. Im Austausch untereinander wird aber auch deutlich, dass das Tun der Landwirtschaft in der Vergangenheit offenbar nicht angemessen erklärt wurde. Die LandFrauen stellen fest: Es reicht offenbar nicht, das eigene Handeln nur zu erklären. Vielmehr braucht es neue Wege der Kommunikation.

Sibylle Klug, dlv-Präsidiumsmitglied, fasst zum Ende des BäuerinnenForums zusammen: „Der Zeitdruck ist angesichts der Neuausrichtung der Gemeinsamen EU-Agrarpolitik groß. Politik muss rasch für geeignete Rahmenbedingungen sorgen, damit der Dialog mit allen Interessengruppen stattfinden kann. Nur so können Initiativen wie die Zukunftskommission Landwirtschaft zu belastbaren Ergebnissen und somit zu mehr Verlässlichkeit in der Agrarpolitik führen.“

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