Gelingt das Ziel von 30 Prozent Bio bis 2030?
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Horst Reiser zum Bio-Markt
Gelingt das Ziel von 30 Prozent Bio bis 2030?
Horst Reiser, Bio-Landwirt aus Straubenhardt-Feldrennach (Enzkreis), ist Vorsitzender des Fachausschusses ‘Ökologischer Landbau’ im Landesbauernverband in Baden-Württemberg (LBV). Die Bio-Branche ist weiter im Aufwind. Die Pandemie verstärkt den Trend zu Bio und Nachhaltigkeit im Handel und Konsum von Lebensmitteln. Was ist zu tun, um das Ziel der Landesregierung von 30 bis 40 Prozent Bio bis 2030 zu erreichen? Aus Sicht des Praktikers äußert sich dazu Reiser in BWagrar.
BWagrar: Herr Reiser, der Bio-Markt wuchs 2020 in Deutschland um 22 Prozent auf 14,99 (2019: 12,26) Mrd. Euro. Öko-Fleisch, -Mehl, -Obst und -Gemüse verzeichnen überdurchschnittliche Zuwächse zwischen 70 Prozent (Geflügel) und 25 Prozent (Obst). Der Bio-Anteil am Markt für Lebensmittel stieg 2020 auf 6,4 Prozent. Wie beurteilen Sie diese Marktentwicklung? Profitieren davon auch unsere Bio-Betriebe im Land?
Reiser: Ganz klar profitieren die Bio-Betriebe von dieser nun schon seit 30 Jahren anhaltenden Entwicklung. Die Gesetze des Markts und dem nahezu weltweiten Handel mit Lebensmitteln machen aber auch vor Bio nicht Halt. Doch wir deutschen und baden-württembergischen Bio-Landwirte müssen uns davor nicht verstecken, sondern unseren Kunden und der Gesellschaft die Vorteile der regionalen Produktion und des hofnahen Handels erklären.
Wir werden das angestrebte Ziel aber nicht erreichen, wenn wir weiter unseren Nischencharakter erhalten wollen. Bio-Lebensmittel sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es ist keine Frage des Preises, sondern vielmehr der Wertigkeit, ob und wieweit man sich mit Öko-Produkten ernährt.
Allerdings werden die großen Marken im Lebensmittelhandel und Discount-Bereich in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Entwicklung spielen. Nur mit Hofläden und dem Naturkostfachhandel kann der angestrebte Umsatzzuwachs nicht erreicht werden.
BWagrar: Der Anteil der Öko-Höfe an allen landwirtschaftlichen Betrieben in Baden-Württemberg beträgt 11,5 Prozent. Ihre Zahl stieg in den verfgangene fünf Jahren um 32 Prozent auf 4.542 Betriebe (Ende 2019), die Öko-Fläche gar um 43 Prozent auf 187.000 Hektar. Sind die von der Landesregierung angepeilten 30 bis 40 Prozent Öko bis 2030 zu schaffen? Wie kann die Vermarktung von Bio aus dem Südwesten noch besser gefördert und gestärkt werden?
Reiser: Wichtig erscheint mir bei der Entwicklung in Richtung 30 Prozent Bio, dass wir neben der Produktion auch durchgängige Wertschöpfungsketten über die Verarbeiter, die Logistik bis hin zum Handel aufbauen können, die in den jeweiligen Regionen gut vernetzt und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Die Förderung der Vernetzungsstrukturen durch das Land ist hierzu ein guter erster Schritt.
„Es ist keine Frage des Preises, sondern der Wertigkeit, ob und inwieweit sich Verbraucher mit ökologischen Produkten ernähren.“
Neben der betrieblichen Förderung für gesellschaftliche Leistungen in eine ökologische Landbewirtschaftung sind die Biomusterregionen, die EVA-BIOBW 2030 oder auch das gemeinsam getragene Biodiversitäts-Stärkungsgesetz wichtige Instrumente für eine erfolgreiche Zukunft.
BWagrar: Ab Januar 2022 gilt die neue EU-Öko-Verordnung. Sie wird derzeit in nationales Recht gegossen. Was sollte dabei sowie bei den Fördermaßnahmen im Land aus Praxissicht beachtet werden?
Reiser: Der biologische Landbau entwickelt sich aufgrund neuer Erkenntnisse in Tierwohl und Pflanzenbau immer weiter. Und es ist gut, dass sich Wissenschaft und Forschung um eine möglichst effiziente, nachhaltige und ganzheitliche ökologische Landbewirtschaftung angenommen haben.
Diese Erkenntnisse sollten auch in die novellierte EU-Öko-Verordnung eingearbeitet werden. Wichtig erscheint mir dabei, dass man mit entsprechenden Umsetzungsfristen den Landwirten die Möglichkeit gibt, sich darauf einzustellen.
Grundsätzlich muss in der neuen Verordnung auch eine verlässliche Importregelung von Waren aus Drittländern verankert sein. Denn Skandale und damit einhergehende Vertrauensverluste rund um Bio treffen immer die ganze Branche.
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