
Perspektiven für die Tierhalter
Milch, Fleisch und Eier: Im Forum I ging es um die Anforderungen an die Tierhaltung im Land und wie damit künftig Geld verdient werden kann. Ein Ergebnis war, dass Milch- und Fleischprodukte aus dem Südwesten gut gefragt sind und dass mit Agri-PV-Anlagen weitere Einnahmen erzielt werden können.
von Matthias Borlinghaus erschienen am 29.01.2025Über die regionalen Märkte und mehr Wertschöpfung für die Milchwirtschaft sprach Andreas Schneider, Geschäftsführer der Schwarzwaldmilch GmbH in Freiburg. Die Prozesse in der Milcherzeugung und Verarbeitung transparent zu machen, das alleine, reiche nicht aus. „Man muss noch viel mehr tun“, so Schneider. Planvoll vorgehen und gleichzeitig hoch flexibel sein, lautet seine Devise, um sich bestmöglich den bevorstehenden Veränderungen anzupassen. „Wir warten nicht auf Schneeballeffekte von außen, sondern kümmern uns um die Dinge, die wir tun können“, ließ Schneider keinen Zweifel daran, dass die Schwarzwaldmilch die Herausforderungen meistern wird.
Markenprodukte aus dem Land
Der weltweite Rückgang der Globalisierung, eingeleitet seit Corona, reduziere auch für die deutsche Milchwirtschaft die Exportmöglichkeiten. Im Wert von rund 15 Milliarden Euro gingen Milchprodukte aus Deutschland in den Export, berichtete Schneider. Bei der Schwarzwaldmilch sei es nur ein geringer Teil der Milchmenge. Zu schaffen machen dem Unternehmen die Preissensibilität beim Absatz, die zunehmende Bürokratie und der Fachkräftemangel. Punkten will die Schwarzwaldmilch in erster Linie mit der Herkunft. 80 Prozent der Milch für die Molkerei komme aus dem Schwarzwald und aus Südbaden, der Rest aus den angrenzenden Gebieten aus Baden-Württemberg. Man sammle keine Milch in anderen Bundesländern ein, nicht in der Schweiz und auch nicht in Frankreich. An zwei Standorten, in Freiburg und in Offenburg, werden die Markenprodukte für Baden-Württemberg, für Deutschland und für den Export hergestellt. Neben der Milch werden seit über fünf Jahren auch Produkte aus Hafer hergestellt. „Wir haben Landwirte, von denen wir nicht nur die Milch, sondern auch den Hafer beziehen“, so Schneider. Die regionale Milch gibt es als Bio, als Bio-Heumilch, als Weidemilch, als Proteinmilch oder auch als lactosefreie Milch.
Innovationen und Wachstum
In Sachen Klimaschutz habe man bereits viele Millionen Euro investiert. Seit 2023 ist das Unternehmen offiziell auf Nachhaltigkeit zertifiziert (ZNU zertifiziert). Nur so ließen sich die Produkte im deutschen Markt langfristig verkaufen, ist Schneider überzeugt. Ähnlich ist es beim Tierwohl. Auch hier wurde viel investiert, auch in Zusammenarbeit mit dem Vermarktungspartner Bioland. Aus der Haltungsstufe 3 habe man bereits 150 Mio. kg auditierte Milch. Schneider hob hervor, dass die Schwarzwaldmilch kontinuierlich nach neuen Geschäftsfeldern sucht. Basis des genossenschaftlich aufgestellten Unternehmens mit rund 250 Mio. Euro Jahresumsatz sind über 800 Milchviehbetriebe mit rund 270 Mio. kg Milch. 28 Prozent der Betriebe sind Biolandhöfe. Wichtig sei die Vermarktung über Baden-Württemberg hinaus. Rund 60 Prozent des Umsatzes erzielen die Schwarzwälder im Land, 26 Prozent deutschlandweit und 14 Prozent im Export mit speziellen Milchpulversorten. Dabei handelt es sich um 25 Länder, schwerpunktmäßig Drittländer wie Australien oder Malaysia. Auf die Frage, wie stark der MKS-Fall in Brandenburg die Exporte des Unternehmens trifft, meinte Schneider, dass er mit verschmerzbaren Ausfällen rechnet, zeitlich auf drei bis sechs Monate begrenzt.
Mit ihren starken Marken sei das Unternehmen bei den Trinkmilchsorten (Weidemilch, Proteinmilch, Trinkmilch-Bio, LAC-Milch) mit Ausnahme von H-Milch deutschlandweit Marktführer. Bei der Marke Landliebe mit der Milch in der Glasflasche dürfen die Freiburger die Markenrechte nutzen. Marketing, Vertrieb und Logistik für diese Premiummarken will Schneider weiter ausbauen. Sein Fazit: „Ohne Wachstum, keine Chance, um die steigenden Kosten auszugleichen.“ Zahlen, inwieweit die Bio-Betriebe der Schwarzwaldmich von der geplanten Weidepflicht betroffen sein werden, konnte Scheider noch nicht nennen. Seine Einschätzung lautete: „Die Weidepflicht wird bundesweit auf jeden Fall signifikante Auswirkungen haben. Das Volumen an Bio in Deutschland wird reduziert.“
Fest verankert im Süden
Als bodenständig und solide präsentierte Stefan Müller, Gesellschafter in den Unternehmen der Müller Gruppe, seine Firmen. „Wir sind ein familiengeführter Produzent von hochwertigem Fleisch in Süddeutschland. Wir sind ein verlässlicher Partner der Agrarwirtschaft und unserer Kunden,“ so Müller. Ziel sei die Erzeugung sicherer und hochwertiger Lebensmittel über vier Standorte in Süddeutschland mit Birkenfeld bei Pforzheim (1970) und Ulm (1999) sowie zwei weitere Produktionsstätten in Bayern, in Bayreuth (2007) und in Ingolstadt. Insgesamt werden pro Jahr rund 270.000 Rinder geschlachtet. In Ulm ist man mit über 100.000 Rindern und 1,6 Millionen Schweinen pro Jahr der größte Schlachthof in Süddeutschland, mit einem Marktanteil von 30 bis 40 Prozent im Süden.
Mehr Rückhalt für die Schlachtbranche
Für eine zukunftsorientierte Vision der Landwirtschaft in den nächsten 20 brauche die gesamte Produktionskette einen klaren Auftrag, forderte Müller. Die sichere Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln und die berufliche Leistung, die dahintersteckt, sei keine Selbstverständlichkeit. Müller hofft auf den Bauernverband und auf Agrarminister Peter Hauk als neuen Vorsitzenden der Agrarministerkonferenz, dass sich die Branche positiv entwickelt und das belastende Misstrauen zwischen Gesellschaft, Politik und Landwirtschaft abgebaut werde. Nur gemeinsam ließen sich Perspektiven erarbeiten. Eine klare Orientierung sei gefragt. Laut Müller erreiche die Landwirtschaft ihre Klimaziele sehr wohl, aber darüber werde seiner Ansicht nach viel zu wenig gesprochen. An der Reduzierung des CO2-Ausstoßes müsse weiter gearbeitet werden, hier gab es bereits vielversprechende EIP-Projekte.
Haltungsstufe 2 als Basis
Für die höheren Haltungsformen sei zwar ein größeres Bewusstsein entstanden, gleichwohl kaufe ein Großteil der Konsumenten weiterhin sehr preisbewusst ein. Die Haltungsformen 3 und 4 oder 5 seien interessant und teilweise auch vielversprechend, gleichwohl sei die Haltungsform 2 die Basis für Frischfleisch und Wurst. „Für unsere regionalen Märkte – für alles, was über den LEH und den Discount verkauft wird – brauchen wir die Haltungsform 2“, betonte Müller. Nur so werde der Absatz gesichert. Auch in punkto Biosicherheit sei die geschlossene Haltungsform 2 positiv zu sehen. Eine gesetzliche Tierhaltungskennzeichnung betrachtet Müller mit Sorge, weil hier Bürokratie aufgebaut werde und sich die Hoffnung, über die staatliche Kennzeichnung mehr Gastronomiebetriebe mit einzubinden, nicht erfüllen werde. „Das ist ein Widerspruch zu dem Anspruch, künftig mit weniger Bürokratie auszukommen, findet Müller. Die Gastronomie könne man mit regionalen Produkten besser an sich binden, zum Beispiel über das Zeichen der Initative Tierwohl oder dem Logo Gutes aus deutscher Landwirtschaft. „Die Haltungsform 2 ist die zwingende Basis. Daran wird sich auch nichts ändern“, so Müller. Beim Rind funktioniere die Haltungsform 3 recht gut, zusammen mit der Milch. Beim Schwein jedoch fehle es noch an Dynamik, weil hier die Finanzierung zu großen Teilen nicht gesichert sei.
Hühnerhaltung mit Agri-PV
Ein Pionier in Sachen Agri-PV ist Wulf Dullenkopf, Betriebsleiter des Engelwieser Hühnerhofs im Landkreis Sigmaringen. Übernommen hat er den Hühnerbetrieb 1999 mit 10.000 Legehühnern in Käfighaltung, heute hält er rund 30.000 Hühner, je zur Hälfte in Freiland- und in Bodenhaltung. Gebaut hat er die Agri-PV-Anlage schon im Jahr 2010 auf einer Fläche von 3,8 Hektar für 9000 Tiere und einer Leistung von 2,14 Megawatt. Dullenkopf ist Mitglied in der sogenannten 08er-Gruppe. Das sind rund 60 Hühnerhalter in Baden-Württemberg, die sich für eine gemeinsame Vermarktung zusammengeschlossen haben. Hektarmäßig seien es auf diesen 60 Betrieben insgesamt rund 375 Hektar, auf denen die Hühner im Freiland gehalten werden. Würde ein Drittel dieser Fläche zusätzlich mit PV belegt, wären das etwa 20 Megawatt Leistung, hat Dullenkopf ausgerechnet. Er kann sich einen weiteren Ausbau der Fotovoltaik gut vorstellen.
Flächen doppelt nutzen
Mit seiner Agri-PV-Anlage jedenfall hat er bislang nur gute Erfahrungen gemacht. Die Hühner halten sich gerne untern den Modulen auf und sind dort auch gut geschätzt vor Greifvögeln. Umsatzmäßig sei es zwar der Eierverkauf, auf den es ankommt, ertragsmäßig allerdings schneide die PV-Anlage deutlich besser ab, verrät Dullenkopf. „Agri-PV ist nicht gleich Agri-PV“, erläuterte Sarah Kimmich. Sie forscht an der Hochschule Nürtingen Geislingen an der Schnittstelle zwischen Landwirtschaft und erneuerbare Energien. Eine zu hohe Aufständerung der Module zum Beispiel, könne bei Agri-PV mit Legehennen dazu führen, dass die gefürcheten Greifvögel die Hühner im Freiland erst recht angreifen würden. Ein Vorschlag auf dem Unternehmertag war, dass man die priviligierte Genehmigung für Agri-PV, die auf 2,5 Hektar und ein Megawatt Leistung begrenzt ist, erweitern könnte, damit weitere Anlagen einfacher und schneller genehmigt werden können.
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